Die Zurückgelassenen
Lost in Heathrow Airport
Hinter dieser Hecke endet die Welt. Für alle von uns. Niemand aus dieser Gruppe weiß, wie genau wir hierher gekommen sind und wie es dahinter weitergeht. Hunderte Menschen, die sich nicht kennen, wurden zusammenpfercht in diesem Hotel im absoluten Nichts. Wo wir genau sind? Keine Ahnung. Das Schicksal eint uns. Die Zurückgelassenen.
Bisschen dramatisch formuliert das alles, aber irgendetwas muss man ja machen.
Es waren fühlt drei Flocken. Mehr wirklich nicht. Aber sie gingen in ausgerechnet London nieder. Und wie ein Freund sagt, dem ich deswegen für heute Abend absagen musste: „Schnee kann England einfach nicht.“ Sobald die kaum verfestigen, weißen Brocken schwach gefrorenen Wassers den Boden berührten, schmolzen alle fast sofort wieder, aber: Das ganze Nahverkehrssystem Londons brach zusammen. Und nach drei Stunden, vier Zügen und diversen Umstiegen in der britischen Einöde (Ich habe Kühe, Schafe und Ziegen an verschiedenen Orten gesehen), wurde uns am Flughafen mitgeteilt: Alle Verbindungen fallen aus. Alle. Draußen sind 0 Grad, ab und an eiert noch eine willenlose Flocke durch den Eingangsbereich des Heathrow Airport, aber alles liegt danieder.
Wie hat es diese Gesellschaft eigentlich zu Strom und fließend Wasser geschafft? Das will ich mich fragen, aber ich habe keine Zeit, denn plötzlich werde ich mit anderen Leidensgenossen in einen Shuttle-Bus geschoben. Eng an eng stehend werden wir rund 20 Minuten in hektischem Tempo um diverse Ecken, durch Kreisverkehre und schmale Wege gefahren, um Schließich hier rausgeschmissen zum werden.
An diesem Hotel, das es nur für eine Art von Gästen gibt: jene, die hängengeblieben sind. Niemand ist hier länger als eine oder zwei Nächte. Niemand will hier sein. Alle wollen hier weg, aber niemand kann hier weg. Und niemand weiß genau, wo wir sind. Ruht hinter dieser Hecke britische Landidylle? Brummt der Picadilly Circus? Wartet eine Armee aus Zombies? Fällt die gesamte Landschaft einfach eine riesige Klippe hinab in einen unendlichen Ozean? Wir schwirren ziellos im Orbit.
Ein paar Kinder versuchen, einen Schneemann zu bauen aus den paar lächerlichen Flocken, die höchstens eine Minute liegen blieben. Eltern hoffen, dass sie das zumindest ein wenig beschäftigt. Vorm Eingang stehen unendlich viele Raucher, die heute bestimmt nicht damit aufhören werden. Ich kämpfe mich durch die Wall of smoke und gelange zurück in die riesige Lobby zu weiteren Beispielen, wie man mit verlorener Zeit umgeht.
Geschäftsmänner marschieren wild gestikulierend mit dem Handy am Ohr hin und her. Andere Business-Menschen sitzen mit Anzug oder Kostüm und leerem Blick in der Bar, saufen oder essen wie ferngesteuert Gratis-Nüsschen. Gruppen von Wildfremden machen die Tristesse zur Party: Ihr Kompromiss-Englisch wird mit jedem Glas besser, ihr Lachen lauter. Und ich? spaziere durch dieses bizarre Szenario der Zurückgelassenen wie durch eine riesige Theater-Inszenierung.
Auf den Zimmern liegen die, die einfach nur noch ihre Ruhe wollen. Sie schalten sich durch 1000 Sender Scheisse im TV, suchen erfolglos ihr letztes sauberes T-Shirt im Koffer oder checken immer wieder im Netz nach Auswegen aus dieser Mischung aus Frust, Hoffnung und Resignation. Vielleicht gibt es ja doch einen Weg. Gibt es nicht. Niemand kommt hier weg.
Leben hinter der Parkplatzhecke.
Um sieben Uhr klingelt der Wecker. Der Stein in meinem Magen (es war auch kein kulinarischer Höhenflug) und ich stehen auf, eine lauwarme Dusche ohne Wasserdruck belebt uns marginal, eine Bad-Beleuchtung aus der Hölle lässt mich aussehen wie Gollum, aber: auf dem Parkplatz liegt nur noch die Buffet-Karotte vom Schneemann im Matsch. Es schneit nicht mehr. Nicht einmal für englische Verhältnisse. Wir sind frei - zumindest was man in so einer Situation „frei“ nennt.
Shuttle-Bus, Rennen, banges Warten, wie Flipper-Kugeln von von Schalter zu Schalter pendeln, der Schwur, niemals wieder sein Zuhause zu verlassen, und irgendwann - am Nachmittag - ein Flug zumindest in die Nähe meines eigentlichen Zielortes.
Ein paar Tage später, im Büro, google ich aus Langeweile den Namen des Hotels. Kein Ergebnis. Auch bei genauerer Suche: nichts. Ich versuche es über Maps und finde den Ort schließlich im Umland des Flughafen. Da muss es sein, da ist die Hecke. Dahinter aber: kein Hotel. Nicht einmal ein Gebäude. Nur Brachland.



