Es ist totenstill im Saal. Sogar wir beiden haben jetzt aufgehört zu reden. Zu hören sind nur noch die Field Recordings der Gesänge der Wodaabe. Auf der Leinwand ist ein Foto von ihnen zu sehen. Die Wodabee sind ein Stamm aus der Sahelzone und einer der letzten Afrikas, der sich sein vollnomadisches Dasein bewahrt hat. Farin hatte spontan mit seinem Handy den Ton mitgeschnitten, als die Mädchen auf dem Esel loszogen um Wasser zu holen. Jetzt ertönen ihre wunderschönen, musikalisch komplexen aber so leicht daherfliegenden Gesänge im Deutschen Theater in München, im Staatstheater in Kassel, im großen Sendesaal des RBB in Berlin, im Volkstheater in Wien und im Volkshaus in Zürich.
Ich werde das Lächeln meines Gesprächspartners in diesen Momenten nicht vergessen: Wenn er nicht einmal mehr etwas sagen muss, sondern allein diese Klänge und seine Fotos für sich sprechen. Und wenn wir an diesen Abenden Menschen ein Gesicht geben können, die keine Lobby haben auf dieser Welt, die ihr aber so viel Schönheit schenken. Seien es die Wodaabe im Tschad oder die faszinierenden Stämme in Äthiopiens Omo-Tal, über die wir an den anderen Abenden berichten.
So viel Schönheit, so viel Grazie, so andere Arten zu leben als wir. Wir, die mit unserer spätkapitalistischen Maßlosigkeit nicht nur unser eigenes sondern vor allem auch das Dasein dieser Menschen gefährden, von derer bloßen Existenz viel zu wenige wissen. So genannte ‚primitive Völker‘ (was für ein Quatsch), deren Lebensräume bedroht werden von extremer Landwirtschaft für den globalen Handel, Staudämmen für Energie, die sie selbst nicht nutzen können, und irgendwann gezogenen Staatsgrenzen durch Wege, die sie seit Generationen gehen, um Nahrung zu finden. Und von Kriegen und dem Klimawandel, der in Afrika viel früher und viel unmittelbarer zu spüren war und ist als in Mitteleuropa.
Wohl gemerkt: Wir beide nehmen uns keineswegs raus aus dieser Problematik. Wir sind mindestens ebenso mittendrin wie alle anderen.
Wer die Schönheit dieser Menschen auf dieser Tour genießen konnte, wird wissen, was auf dem Spiel steht. Alle anderen suchen gerne bei Interesse mal im Netz nach den Surma, Mursi und Hamer aus Äthiopien und den Wodabee. Das sind Menschen, die jetzt gerade auch auf demselben Planeten leben wie wir. Nur eben anders. Und ihr Fortbestand ist existenziell bedroht. Vor allem durch uns.
Wie gesagt: Diese Stämme haben keine Lobby. Sie zahlen keine Steuern, sie leisten keinen Militärdienst, ihnen wird kaum einen Wert zugesprochen in den entmenschlichten Systemen, die unsere Welt aktuell dominieren. Sie wollen einfach leben, haben zudem die Eigenschaft, aus ihren geringen Mitteln unfassbare Schönheit zu schaffen, und übrigens: Sie sind mit ihrer Lebensweise viel nachhaltiger und rücksichtsvoller gegenüber diesem Planeten als wir:
Nachhaltiges, saisonales Essen, das gerecht geteilt wird. Niemals mehr von Mutter Erde nehmen als sie verkraftet. Fast keine Emissionen, ein Leben in Einklang mit Tieren und Pflanzen. Ein ökologischer Fußabdruck, der ein Bruchteil (wenn überhaupt) des unseren ist. Und eine soziale Gemeinschaft als Rückgrat einer Gesellschaft. Wir sollten sie nicht ignorieren, bedrohen oder versuchen an unser Leben anzupassen - wir sollten bei ihnen lernen.
Wenn solche Menschen dann irgendwann gezwungen sind, ihr geliebtes Leben aufzugeben, ihre Heimat unfreiwillig zu verlassen und bei uns Hilfe suchen, werden sie zurückgewiesen in den Tod. Das habe nichts mit uns zu tun. Doch, hat es. Und alle, die das Gegenteil behaupten, missachten die Komplexität dieser Welt - aus Gemütlichkeit, Ignoranz, Boshaftigkeit oder bestenfalls schlichtem Nichtwissen. Letzteres ist durch diese Tour vielleicht ein bisschen kleiner geworden.
Die Gesänge der Mädchen enden. Der Saal lauscht bis zum letzten Ton. Farin erzählt weiter von seiner Reise und zeigt diese wundervollen Fotos, die zu machen ihn so glücklich macht. Ich versuche zu ergänzen, und vielleicht hat das ganze ja zumindest ein wenig Sinn.
Danke an alle, die da waren.
Danke an euch Menschen, die diese Tour verwirklicht haben.
Danke an die lieben Menschen, die Zuhause alles zusammenhalten.
Danke an Farin, dass er von allen seinen Möglichkeiten diese wählt.
Danke ans Universum, dass ich das erleben durfte.
Wer helfen will:
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Die brandneue Dessau-Podcast-Folge mit Farin Urlaub ist hier zu hören.
Mehr Podcast-Folgen mit Farin Urlaub sind hier zu hören.
Jochen



