Im Reisen Reisen Interview: Fredy Gareis
Reisebegleiter*innen - das sind Menschen, die das Reisen genauso lieben wie wir. So wie Fredy Gareis, der uns in seinem Buch „Als ich gegen Stalin im Armdrücken gewann“ mit nach Osteuropa nimmt.
Exklusiv für Euch: In unserem Feed “Reisen Reisen Unter Freunden” liest Euch unsere “Chefin” - Sprecherin und Schauspielerin Camilla Renschke - zwei Episoden aus seinem Buch vor.
RR: Du bist für Dein Buch mit klapprigen Zügen, per Anhalter und zu Fuß durch Länder gereist, die an der östlichen Grenze der EU und der NATO liegen. Was war Dein Ziel?
Fredy: Ich wollte die Länder mit eigenen Augen sehen und vor allem mit den Menschen sprechen, die dort leben. Die ganze Phrasendrescherei unserer Politiker ging mir wahnsinnig auf die Nerven. Aber was wissen wir wirklich über diese Region? Für die meisten besteht die EU ja immer noch aus Westeuropa, dabei sind diese Länder auch schon seit 20 Jahren dabei und in der NATO noch dazu. Also dachte ich mir: nichts wie hin. Genau hinschauen, wie die Menschen dort mit dem Thema Russland und Krieg umgehen, schließlich sind sie viel näher dran, geografisch und geschichtlich und haben oft einen klareren Blick auf die Lage als wir.
RR: Welche Geschichte steckt hinter dem Titel Deines Buches?
Fredy: In der estnischen Stadt Narva, die direkt an der russischen Grenze liegt, war ich im Museum in der Herrmannsfeste. Ganz normale Sache, ganz normale, historische Ausstellung. Aber dann, kurz vor dem Ausgang, gab es eine Armdrückmaschine. Auf einem Videodisplay konnte man sich den Gegner aussuchen, darunter Lenin, Hitler - und eben auch Stalin. Die Gelegenheit musste ich natürlich nutzen. Das ist natürlich lustig, aber gleichzeitig zeigt diese Episode gut, wie lang der lange Arm der Geschichte wirklich ist.
RR: Welche Begegnungen sind für Dich unvergesslich?
Fredy: Ich könnte jetzt viele hier nennen, aber das würde den Rahmen sprengen, deswegen hebe ich eine Frau hervor, die ich in Litauen getroffen habe. Irene, 96 Jahre alt, fit wie ein Turnschuh (viel fitter als ich, wie mir schien). Sie wurde mit 13 Jahren mit ihren Eltern in der Nacht aus ihrem Heim gerissen und von den Sowjets ins nördliche Sibirien, ans Polarmeer deportiert. Irene litt Hunger, Durst und musste viele ihrer Mithäftlinge sterben sehen. Aber diese Frau hatte so eine Stärke und Hoffnung in sich, dass sie diese unmenschliche Zeit überlebt hat. Wie sie davon erzählt, ist einfach fantastisch, augenöffnend und inspirierend.
RR: Wie wird Osteuropa von Westeuropäer*innen wahrgenommen?
Fredy: Oft so: arm, gefährlich und voller Betrunkener. Das ist natürlich totaler Quatsch. So eine Erzählung nützt nur Populisten, vor allem Putin. Wer sowas glaubt, denkt auch, der Osten sei vernachlässigbar. Dabei gibt es da so wahnsinnig viel zu lernen, zu erleben, fantastische Natur, großartige und alte Kultur und Menschen, die wahnsinnig herzlich sind.
RR: Was ist anders in Osteuropa?
Fredy: Viel Stolz auf die eigene Geschichte, die eigene Kultur. Der Wunsch nach Freiheit ist sehr stark, da die Wunden der Besatzung nach dem zweiten Weltkrieg noch frisch sind. Sie sind auch wesentlich pragmatischer, was den russischen Angriffskrieg und Putins hybride Kriegsführung angeht. Natürlich gibt es da eine Bandbreite, es waren ja immerhin elf Länder, durch die ich gereist bin, aber im großen und Ganzen war man sich einig, dass es besser ist, sich auf eine große Krise vorzubereiten und es dann nicht zu brauchen, anstatt im schlimmsten Falle kopflos durch die Gegend zu rennen.
RR: Und was verbindet uns?
Fredy: Ich denke eben jener Wunsch nach Freiheit, nach einer Gesellschaft, die nicht autoritär organisiert ist. Nach einem guten, sicheren Leben, in dem jeder nach seiner Fasson glücklich werden kann. Wobei ich natürlich auch Menschen getroffen haben, die das anders sehen. Auch so etwas gehört in das Buch.


RR: Was lässt Dich hoffen?
Fredy: Die Begegnungen mit Menschen, die schon so viel Schlimmeres erlebt haben, haben mir großen Mut gegeben. Bei der aktuellen Nachrichtenflut – und sie ist ja auch schrecklich – ist es ein leichtes, den Kopf in den Sand zu stecken und zu glauben, es wäre alles unabwendbar. Dieser Zynismus hilft nur den Populisten. Aber zusammen sind wir stark. Wir müssen nur in die Geschichte solcher Länder wie Polen oder Rumänien schauen: Wie aus einer Gewerkschaft die Solidarnosc-Bewegung geworden ist, die die Zeitenwende in Polen hervorgebracht hat; oder wie die Rumänen irgendwann die Schnauze voll hatten, sich auch nicht mehr von scharfer Munition aufhalten ließen und den Diktator Ceausescu stürzten. Es lässt sich sehr viel erreichen, wenn man zusammenhält und ein gemeinsames Ziel verfolgt.
Ihr wollt Osteuropa näher kennenlernen? Dann hört in diese Folgen rein:



