Ich sag's gleich vorweg: Ich ärgere mich ein bisschen. Über mich selbst, dass ich diese Stadt nicht früher entdeckt habe. Brüssel: Großer Name,ich wohne nur eine Stunde 30 Minuten mit dem Zug weg, bin schon 200 Mal durchgefahren und jetzt endlich für ein paar Tage ausgestiegen. Und zack habe ich einen neuen City-Crush.
Es ist kompliziert
Diese Stadt widerspricht sich ständig. Dank der verhaltensoriginellen belgischen Architekten und Architektinnen hat Brüssel diesen sehr eigensinnigen Look: Schwere Prachtarchitektur, neben einem Comic-Wandbild. Jugendstil trifft Beton-Brutalismus. Hügel, Parks, Gärten und viel Kunst einfach so auf der Straße.Ich war an ein paar warmen Herbsttagen dort. Das Leben spielt dann noch draußen und ich habe mich in die Viertel verliebt, die eben nicht im Zentrum liegen.
Erst mal: Wie kommt man rum?
Am besten als Flaneur oder Flaneurin. Einfach loslaufen und schauen, wo man hängen bleibt. Wenn die Beine streiken, dürft ihr cheaten: Tram, Bus und Metro bringen euch überallhin. Karte oder Handy ans Lesegerät halten, kontaktlos zahlen, fertig – 2,40 Euro pro Fahrt.
Gewohnt habe ich im nhow Brussels Bloom. In der Nähe des Zentrums und am Botanische Garten – terrassenförmig am Hang, alte Bäume, Gewächshäuser aus dem 19. Jahrhundert. Von der Lage und vom Preis sehr gut.
Das Zentrum
Klar, die Klassiker habe ich mitgenommen. Die Grand-Place haut einen um, wenn man sich die Leute wegdenkt (ich war an einem Samstag da – viel Spaß beim Wegdenken). Und das Manneken Pis? Ich verstehe den Wirbel bis heute nicht. Über 85.000 Google-Bewertungen. Für eine kleine Bronzefigur. Aber er hat über tausend Kostüme und einen eigenen Ankleideplan. Als ich da war, trug er Uniform. Brüssel nimmt sich selbst nicht ganz ernst – und genau das mag ich.
Wolf Food Market – eine ehemalige Bank, heute eine der schönsten Food-Hallen, die ich in letzter Zeit gesehen habe. Riesige runde Lampen, Stände dicht an dicht, eine eigene Mikrobrauerei, Fotoautomat, Karaoke-Zimmer. Ich war bei Lil Bao ( Ableger des Lil Bao Restaurants) und habe fluffige taiwanesische Bao-Buns gegessen. Perfekt für Gruppen, die sich nie auf ein Restaurant einigen können.
Chou Sando – ein Sandwich- Laden nahe dem Boulevard Anspach. Japanische Sandwiches aus superweichem Shokupan-Brot, gefüllt mit paniertem Hühnchen oder Tempura-Garnele, dazu leicht scharfe Mayo.
Paname – und jetzt kommt eine Premiere: Zum allerersten Mal in der Geschichte von Reisen Reisenempfehle ich euch einen Sexshop. Ich habe im ersten Moment gar nicht kapiert, wo ich bin. Das sah aus wie ein verwunschener Ort in einem wunderschönen alten Haus: Boudoir-Stil, Belle Époque, Samt und Spitze, schwere Vorhänge, goldgerahmte Spiegel, Puderrosa und Bordeauxrot. Warmes Licht, im Hintergrund Jazz, und hinter dem Tresen eine unglaublich nette Frau. Einer der stilvollsten Räume, die ich in Brüssel betreten habe.
Dansaert
Brüssels kreatives Viertel. Boutiquen belgischer Designlabels, kleine Galerien, Lokale und der Place Sainte-Catherine. In der Mitte eine kleiner Kanal, drumherum Restaurants und Cafés. Perfekt um Leute zu gucken und cornern.
Noordzee – Mer du Nord – eine Fischbude, eine Institution. Einheimische und Touris Seite an Seite. Ihr bestellt an der Theke, die Bedienungen rufen quer über den Platz, was gerade fertig ist, und ihr ruft von eurem Stehtisch zurück. Zack, Stimmung. Krabbenkroketten, Calamari, ein Glas Weißwein am Mittag. Très belge. Mein Tipp: antizyklisch hingehen, das kennen alle.
Nightshop – für mich eines der schönsten Restaurants der Stadt. Das Rolltor ist hochgefahren, dahinter ein Wohnzimmer im Industrielook: roher Beton, warme Spots, Weinregale bis unter die Decke. Ich hatte einen Wermut-Tonic vom Feinsten. Auf der Karte Dinge wie Agnolotti mit Kürbis, Mandel und grünem Pfeffer, dazu Naturwein und Craft Beer. Cool sind die kleinen Tische auf der Straße für einen Aperitivo
Ixelles & Saint-Gilles
Der Place du Châtelain in Ixelles ist kein Prachtplatz, eher ein Wohnzimmer unter freiem Himmel. Herrenhäuser, Fassaden in Art nouveau und Art déco, drumherum Cafés, Weinbars, Concept Stores. Die Brüsseler nennen das „bobo“ – bürgerlich und bohèmezugleich. Die Rue du Bailli ist eine meiner Lieblingsstraßen: Boutique an Boutique, und ganz am Ende der Flucht steht eine Kirche.
Ein paar Minuten weiter liegt das Horta-Museum. Victor Horta, der Vater des belgischen Jugendstils, baute sich hier um 1900 Wohnhaus und Atelier. UNESCO-Welterbe. Der Einlass ist getaktet. Bucht vorher online einen Slot.
Dann geht's rüber nach Saint-Gilles. Hügelig, mit Treppen und Ausblicken, jung, alternativ – echte Lissabon-Vibes. An der Chaussée de Waterloo sitzt das Café La Pompe in einer ehemaligen Tankstelle: große Glasfront, riesige Terrasse. Wo früher Benzin getankt wurde, tanken Hipster jetzt Aperol. Vis a vis: Das Terter, komplett vegan und glutenfrei. Bestellt die Kartoffelwaffel mit Hummus und geröstetem Gemüse.
Bergab wird's bodenständiger, bis zum Parvis de Saint-Gilles. Die Kirche überragt den Platz, drumherum Brasserien aus dem 19. Jahrhundert – schaut euch die Brasserie de l'Union an. Der Markt am Wochenende ist wunderschön. Grillhänchen bei Roger kaufen und sich ein Plätzchen suchern
Marolles
Das Arbeiterviertel. Mittendrin: der Flohmarkt am Place du Jeu de Balle, seit 1873 jeden Tag. Ehrlich gesagt – das Angebot war bei mir vor allem Krempel. Aber drumherum? Toll.
Lasst euch durch die Rue des Renards treiben: Vintage-Möbel, Cafés, Restaurants.
Fish Tank – ein cooler Laden mit ultrafrischem Fisch aus der Nordsee oder nachhaltiger Zucht, serviert als Streetfood.
ENDLICH POMMES: Friture de la Chapelle – Holt euch die Tüte auf die Faust, setzt euch auf eine Bank vor der Kapelle und seid für zehn Minuten die glücklichsten Menschen der Stadt. Ich nehme meine mit Joppiesauce: Mayo, Zwiebeln, Curry, hellgelb, süßsauer.
Kultur
Brüssel ist herrlich unprätentiös: In einer Stunde seid ihr von der Frittenbude bei der Hochkultur.
Der Mont des Arts – Der Kunstberg - verbindet Ober- und Unterstadt – Treppen, Brunnen, Beete wie mit dem Lineal gezogen. Paris-Vibes. Jemand spielt Gitarre, man sitzt mit einem Eis auf einer gigantischen Freitreppe und guckt… Gleich daneben das Magritte-Museum, nirgends auf der Welt hängt mehr Magritte. Allein die Eingangshalle ist eine Wucht.
Und das Bozar, Ein Kulturpalast – Konzerte, Ausstellungen, Kino und alles dazwischen. Oben eine Dachterrasse mit Bar und Aussicht. Unten ein zwei Sterne Michelin Restaurant. Teuer aber ein Erlebnis. Der Tipp: Das Lunchmenu ist super und schockt den Geldbeutel nicht so sehr. Unbedingt reservieren.
Mitten im Parc de Bruxelles, gegenüber dem Königspalast, steht eine kleine Holzhütte: Kiosk Radio.Ein Community-Radio, seit 2017 auf Sendung, DJs legen live auf – Jazz, Elektro, alles Mögliche. Daneben ein Kiosk mit lokalem Bier, Bänke unter den Bäumen.
Michi war Ende September 2026 in Brüssel unterwegs. Die Podcast-Folge wurde am 16.Oktober 2026 veröffentlicht, darin noch mehr Highlights und echte Brüssel-Atmosphäre.







