Ostende: Nordseeluft, Street Art und die vielleicht überraschendste Stadt Belgiens
Ostende ist nicht die Stadt, bei der die Bildersuche sofort das Paradies ausspuckt. Am Strand steht eine Wand aus Hochhäusern, die Architektur folgt ihrer ganz eigenen Logik und zwischen all dem Grau muss man die Schönheit manchmal erst suchen. Aber dann kommt das Licht. Die salzige Luft. Ein Fischmarkt, auf dem vier Familien ihren Fang direkt vom Boot verkaufen. Street Art an mehr als hundert Hauswänden, ein Soulstar auf der Suche nach einem neuen Leben und eine Küste, an der Pferde noch immer Krabben fischen.
Ostende ist vielleicht keine Liebe auf den ersten Blick. Dafür eine, die mit jedem Tag interessanter wird.
Mit dem Zug direkt ans Meer
Die belgische Küste ist gerade einmal rund 70 Kilometer lang. Im Westen beginnt Frankreich, im Osten warten die Niederlande – und dazwischen liegt ein Stück Europa, das über Jahrhunderte von seinen Nachbarn geprägt wurde.
Von Köln aus ist Ostende im Sommer 2026 am Wochenende sogar direkt mit dem Zug erreichbar. Nach etwas mehr als drei Stunden steigst du fast am Wasser aus. Der Bahnhof liegt am Hafen, die Möwen übernehmen die Begrüßung und spätestens beim ersten tiefen Atemzug ist klar: Das hier ist Nordsee.
Auch vor Ort braucht es kein Auto. Die Kusttram fährt an der gesamten belgischen Küste entlang, von der französischen bis zur niederländischen Grenze. 67 Kilometer, 67 Haltestellen und immer wieder dieser Moment: aussteigen, zwei Minuten laufen, Füße ins Wasser.
Ein erster Abend zwischen Art déco und Abendlicht
Zum Ankommen passt die Brasserie im Hotel du Parc. Das Gebäude stammt aus den frühen 1930er-Jahren, im Inneren ist die Art-déco-Zeit bis heute spürbar: dunkle Holzpaneele, Messingleuchten, schwarz-weiße Bodenfliesen und kleine Tischlampen, die den Raum in warmes Licht tauchen.
Auf den Teller kommt Vol-au-vent, die belgische Königin des Comfort Foods. Knuspriger Blätterteig, cremiges Hähnchenragout, kleine Fleischbällchen, Pilze – und natürlich Pommes. Dazu ein Glas Picon, leicht bitter, leicht süß und mit Orangenschale im Geschmack.
Doch das Beste beginnt nach dem Essen. Das Meer liegt nur wenige Minuten entfernt und gegen Abend verändert sich das Licht über Ostende. Rosa wird zu Orange, Orange kippt ins Violette. Auf dem breiten Stadtstrand sitzen kleine Gruppen, Kinder spielen Fußball und Möwen meckern zuverlässig gegen die Schönheit des Moments an. Dazu diese salzige Luft, die einmal durch die Lunge zieht und alles öffnet.
Reizklima nennt man das. Oder einfach: endlich wieder richtig durchatmen.
Der Fischmarkt mit königlichem Privileg
Am nächsten Morgen geht es zum Vistrap am Hafen. Die kleine Fischhalle wirkt zunächst unscheinbar, ist aber ein ziemlich besonderer Ort. Vier Fischerfamilien verkaufen hier ihren Fang direkt vom Boot – als einzige in Belgien dürfen sie das noch auf diese Weise.
Das Privileg reicht bis in die Zeit von König Leopold II. zurück. Die Fischer fahren nachts hinaus, kochen die Krabben noch an Bord in Meerwasser und bringen am Morgen alles direkt zum Markt. Jede Familie hat ihre eigene Rezeptur, deshalb schmecken selbst die Krabben von Stand zu Stand ein wenig anders.
Zwischen frischem Fisch, Garnelen, Tintenfisch und großen Säcken voller Krabben wird schnell klar, wie viel Arbeit hinter dem romantischen Bild vom kleinen Fischkutter steckt. Garnelensaison ist von Juni bis Oktober. Wer in dieser Zeit nach Ostende reist, sollte früh aufstehen und beim Vistrap vorbeischauen.
Direkt gegenüber wartet die nächste Überraschung: Kiss the Chef. Von außen könnte das Restaurant beinahe als Imbissbude am Hafen durchgehen, innen trifft thailändisches Fine Dining auf fangfrische Produkte aus der Nordsee. Genau diese unerwarteten Kombinationen kann Ostende besonders gut.
Street Art statt klassischer Stadtrundgang
Mehr als hundert große Wandbilder verteilen sich über Ostende. Viele davon entstanden im Rahmen von The Crystal Ship, einem Street-Art-Festival, das Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt an die belgische Küste bringt.
Damit wird die Stadt selbst zum Museum – nur ohne Eingang, Öffnungszeiten oder stille Säle. Die kostenlose App Ostend City Walks führt auf verschiedenen Routen durch die Straßen und liefert Hintergründe zu den Kunstwerken.
Der eigentliche Reiz liegt aber nicht nur in der Kunst. Auf dem Weg tauchen Seitenstraßen, kleine Plätze und Wohnviertel auf, die bei einem klassischen Rundgang wahrscheinlich unentdeckt geblieben wären. Jugendstil steht neben Bauhaus, Backstein neben einer Villa, die wie eine kleine Burg aussieht. Dazwischen Häuser, bei denen offenbar niemand gefragt hat, ob sie zum Nachbargebäude passen.
In Belgien gibt es das Sprichwort, jeder Belgier werde mit einem Ziegelstein im Bauch geboren. In Ostende sieht man, was damit gemeint ist.


Nordsee auf dem Teller
Ostende ist ein ziemlich gutes Ziel für Menschen, die Reisen zuverlässig mit Essen verbinden. Das Bistro Mathilda gehört zu den Adressen, die man sich dafür notieren sollte. Küchenchef Luc Poulet ist Teil der North Sea Chefs, einer Gruppe belgischer Köchinnen und Köche, die mit lokalen Produkten und weniger bekannten Fischarten arbeitet.
Statt sich ausschließlich auf Seezunge oder Kabeljau zu konzentrieren, landen hier auch Wittling, Rochen oder anderer Beifang auf dem Teller. Fische, die früher häufig zu Fischmehl verarbeitet wurden, bekommen eine neue Bühne. Das Ergebnis bewegt sich nah am Fine Dining, bleibt dabei aber angenehm entspannt – wie eigentlich fast alles in Flandern.
Neu in der Stadt ist außerdem Tatemado. Küchenchef Stijn Deschacht verbindet dort mexikanische Kochtechniken mit Austern, Krabben und anderen Produkten aus der Nordsee.
Für Kaffee und Frühstück lohnen sich Meerman und Zuske. Beim Eis hört die Kompromissbereitschaft auf: Ice Ice Amy ist die klare Empfehlung. Strawberry Buttermilk verbindet süße Erdbeeren mit der Säure der Buttermilch, Mango Lassi bringt Frucht, Joghurt und Würze zusammen. Zweimal hinzugehen ist keine Wiederholung, sondern gewissenhafte Recherche.
Wie Ostende Marvin Gaye rettete
1981 kam Marvin Gaye nach Ostende. Seine großen Erfolge lagen hinter ihm, er kämpfte mit Drogen, Schulden und einer Karriere, die aus der Spur geraten war. In London traf er den belgischen Konzertveranstalter Freddy Cousaert. Der erkannte nicht nur den Musiker, sondern auch den Menschen, der dringend einen Ort zum Durchatmen brauchte – und nahm ihn mit nach Ostende.
Aus ein paar geplanten Wochen wurden beinahe zwei Jahre. Marvin Gaye spazierte am Strand, trainierte im Boxstudio, ging sonntags in die Kirche und wurde von vielen Menschen zunächst gar nicht erkannt. Er fand Abstand, hörte zeitweise mit den Drogen auf und begann wieder Musik zu machen.
In Ostende entstand schließlich „Sexual Healing“, sein großer Comebackhit. Die Stadt wurde für ihn zu einem Zufluchtsort, an dem er sich neu zusammensetzen konnte.
Auch diese Geschichte lässt sich mit der Ostend-City-Walks-App verfolgen. Der Marvin-Gaye-Rundgang führt zu seinem damaligen Zuhause, seinem Fitnessstudio und den Bars, in denen er Zeit verbrachte.
Raus aus der Stadt
Im Osten der belgischen Küste, direkt an der Grenze zu den Niederlanden, liegt der Naturpark Zwin. Einst verlief hier eine Fahrrinne, die Brügge mit dem Meer verband. Im Laufe der Jahrhunderte versandete sie. Heute bestimmen Schlick, Salzwiesen, Gezeiten und eine erstaunliche Artenvielfalt die Landschaft.
Wege führen durch kleine Wälder, vorbei an Seen und Wiesen bis in die Salzwiesen. Strandflieder wächst dort, Störche nisten im Park und in den Beobachtungshütten lassen sich Kormorane, Austernfischer, Löffler und viele weitere Vögel entdecken. Mit etwas Glück sitzt sogar ein winziger, leuchtend grüner Laubfrosch auf einem Blatt.
Von dort geht es mit der Kusttram weiter nach De Haan. Der Ort wirkt wie ein Gegenentwurf zu den Hochhäusern der belgischen Küste. Weiße Fassaden, rote Dächer, Erker, Türmchen und Fachwerkhäuser stehen zwischen alten Bäumen und gepflegten Gärten. Manchmal wirkt alles ein wenig wie ein Filmset aus der Belle Époque.
Auch Albert Einstein lebte hier für einige Monate. 1933 floh er vor den Nationalsozialisten nach Belgien und bezog mit 17 Koffern voller Bücher eine kleine Villa in De Haan.
Durch die Dünen zurück nach Ostende
Von De Haan führt der GR-Küstenweg zurück in Richtung Ostende. Der sandige Pfad verläuft mitten durch die Dünen. Links und rechts wachsen Strandhafer und Dornbüsche, dazwischen öffnen sich immer wieder Lücken mit Blick auf das Meer.
Minutenlang begegnet dir kein Mensch. Nur Wind, Möwen und das Geräusch der Nordsee bleiben. Mal verschwindet der Weg tief zwischen den Dünen, mal geht es über weichen Sand nach oben. Die Schuhe landen irgendwann in der Hand, die Füße im Sand.
Unterwegs wartet auch der FKK-Strand von Bredene. Ein geschützter Abschnitt zwischen den Dünen, ohne Promenade und ohne neugierige Blicke von der Straße. Nur Sand, Wind, Dünengras und ein paar Menschen, die lesen, Kaffee trinken oder picknicken – eben ohne Kleidung.
Pferde, Krabben und ein ungeplanter Auftritt
Das vielleicht außergewöhnlichste Erlebnis wartet in Oostduinkerke. Dort wird noch immer mit Pferden nach Krabben gefischt – eine mehr als 500 Jahre alte Tradition, die seit 2013 zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO gehört.
Eigentlich sollte es eine private Ausfahrt mit einem Pferdefischer werden. Doch kurz vor dem Termin verliert dessen Pferd ein Hufeisen. Ohne Hufeisen kein Watt, ohne Watt kein Krabbenfischen. Die Geschichte könnte hier enden.
Stattdessen beginnen Telefonate. Wenig später tauchen auf einer Landstraße fünf riesige Brabanterpferde mit Holzwagen auf. Einer der Fischer heißt Günter und nimmt spontan einen zusätzlichen Gast mit.
Was nach einer kleinen Vorführung klingt, wird am Strand zur Parade. Hunderte Menschen warten, klatschen und fotografieren, während die Pferde mit ihren Wagen an der Promenade ankommen. Dann werden die Karren abgenommen und die Netze befestigt. Die schweren Tiere laufen weit ins flache Wasser hinaus und ziehen in ruhigen Bögen durch die Nordsee.
Gelbe Fischerhosen, mächtige Pferde, blauer Himmel und das Meer im Hintergrund: Es sieht aus wie eine Filmszene. Nur dass diese Tradition hier tatsächlich noch lebt.


Ostende ist nicht das Ende
Ostende lässt sich schwer in eine Schublade stecken. Es ist Strandbad und Hafenstadt, Architekturunfall und Kunstort, Familienziel und Foodie-Adresse. Es gibt Street Art, Soulgeschichte, Fischküche, Dünen, FKK und Pferde im Meer.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum die Stadt nicht sofort gefallen muss. Ostende drängt sich nicht auf. Es zeigt seine besten Seiten erst, wenn man ein wenig bleibt, durch Nebenstraßen läuft, mit der Küstenbahn aussteigt oder dem Licht über dem Meer folgt.
Und irgendwann steht man wieder am Strand, atmet diese salzige Luft ein und merkt: Ostende ist tatsächlich nicht das Ende. Eher der Anfang eines ziemlich unerwarteten Belgien-Crushs.
Diese Folge entstand mit freundlicher Unterstützung von Visit Flanders.











