Zwei Männer ziehen 1999 mit Metalldetektoren über einen unscheinbaren, gerade einmal rund 250 Meter hohen Berg in Mitteldeutschland. Kurz unter der Erdoberfläche stoßen sie auf Schwerter, weitere Gegenstände und eine schwere, stark verwitterte Bronzescheibe. Darauf: eine Mondsichel, goldene Punkte und etwas, das wie Sonne oder Vollmond aussieht. Die beiden verkaufen ihren Fund für 31.000 Euro. Was sie nicht wissen: Sie haben gerade eine der bedeutendsten archäologischen Entdeckungen der vergangenen Jahrzehnte aus dem Boden geholt.
Heute gilt die Himmelsscheibe von Nebra als unschätzbar. Und ihre Geschichte ist der spektakulärste Einstieg in eine Region, die Jochen vor dieser Reise kaum auf dem Schirm hatte: Saale-Unstrut, zwischen dem südlichen Sachsen-Anhalt und dem nördlichen Thüringen. Eine Gegend aus grünen Hügeln, Weinbergen, kleinen Städten und zwei Flüssen – und zugleich ein erstaunlich dichter Ritt durch mehrere Jahrtausende Geschichte.
Wer weiter bis Jena fährt, landet in einer Stadt, die auf den ersten Blick eher funktional als malerisch wirkt. Auf den zweiten zeigt sie Gärten, Musik, Wissenschaft, kurze Wege und viel Natur. Zusammen ergeben Saale-Unstrut und Jena eine Reise, bei der sich die Region mit jedem Tag ein Stück weiter entschleiert.
Naumburg: Patisserie, Weltkulturerbe und eine berühmte Uta
Die Reise beginnt klein – zumindest räumlich. In der Naumburger Steingasse hat Annalena Jaenicke mit dem Café Lavendelblüte einen Laden eröffnet, in dem nur wenige Tische stehen und die Patisserie eher nach Kunstwerk als nach Kuchen aussieht. Erdbeercreme mit Basilikum, eine Wolke aus Creme mit Waldbeeren und Lavendel, Schwarzwälder 2.0 mit Thymian: Die Kreationen sind verspielt, präzise und überraschend fruchtig. Nach Jahren in der Spitzengastronomie ist Jaenicke in ihre Heimat zurückgekehrt, um dort selbstbestimmt etwas Schönes aufzubauen.
Die Steingasse selbst erzählt eine ähnliche Geschichte. Anfang der 1990er-Jahre noch verfallen, ist sie heute eine malerische Straße mit Cafés, Töpfereien und alten Handwerksbetrieben. An ihrem Ende wartet der Naumburger Dom – viel zu groß, möchte man fast sagen, für eine Stadt dieser Größe. Der rund 1.000 Jahre alte Bau gehört seit 2018 zum UNESCO-Welterbe.
Im Inneren wird Geschichte nicht bloß erklärt, sondern in Stein erzählt. Figuren, Gewänder, Gesichter und selbst Treppengeländer wirken so filigran, dass man immer wieder stehen bleibt. Berühmt ist vor allem Uta von Naumburg, geschaffen im 13. Jahrhundert vom sogenannten Naumburger Meister, dessen wirklicher Name unbekannt ist. Ihre Wirkung reicht weit über die Region hinaus: Umberto Eco soll sie als schönste Frau des Mittelalters bezeichnet haben; häufig wird sie zudem als mögliches Vorbild für Disneys böse Königin in »Schneewittchen« genannt. Auch Friedrich Nietzsche ist mit Naumburg verbunden – sein früheres Wohnhaus beherbergt heute ein kleines Museum.
Weinberge, Weltwissen und ein goldener Bau
Rund um Naumburg und Freyburg ziehen sich Reben über die Hügel. Abends liegt warmes Licht auf den Weinbergen, in den Tälern stehen kleine Orte mit roten Dächern, dazwischen fließen Saale und Unstrut. Die Region ist eines der nördlichsten Qualitätsweinanbaugebiete Deutschlands. In Restaurants wird selbstverständlich Wein aus der Umgebung ausgeschenkt – oft als Begleitung zu einer Küche, die viel moderner ist, als man hier vielleicht erwartet.


Im Freyburger Restaurant 51° kommen etwa geräucherte Forelle, Soba-Nudeln, Kimchi und Erdbeere zusammen; ein anderer Gang verbindet Miso-Risotto, Pimientos de Padrón und gegrillten Mais. Ebenfalls in Freyburg sitzt mit Rotkäppchen eine der bekanntesten deutschen Sektmarken. In der Erlebniswelt lässt sich ihre Geschichte kennenlernen, von der Terrasse reicht der Blick weit über die Weinregion. Einen ähnlich guten Logenplatz bietet das Weinberghotel Edelacker unterhalb von Schloss Neuenburg.
Der größte Überraschungsmoment wartet jedoch bei Nebra. Dort steht am Fuß des Mittelbergs die Arche Nebra: ein rund 60 Meter langer, goldener Bau, der wie eine Sonnenbarke in der Landschaft zu schweben scheint. Durch ein Panoramafenster blickt man auf den Fundort der Himmelsscheibe. Das Original befindet sich im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle, doch hier wird verständlich, warum dieser Ort so bedeutend ist.
Die mehr als 3.600 Jahre alte Bronzescheibe gilt als älteste bekannte konkrete Darstellung des Himmels. Goldene Symbole zeigen Sonne oder Vollmond, Mondsichel und Sterne. Auf ihr ließen sich unter anderem Sonnenwenden ablesen sowie Sonnen- und Mondjahr miteinander in Beziehung setzen – Wissen, das für Landwirtschaft und Kalender entscheidend war. Der Fund veränderte den Blick auf das bronzezeitliche Mitteleuropa grundlegend. Und seine moderne Geschichte klingt tatsächlich wie ein Krimi: Nach dem illegalen Verkauf kursierte die Scheibe auf dem Schwarzmarkt, bis sie bei einer verdeckten Aktion sichergestellt wurde.


Ein paar Kilometer, mehrere Jahrhunderte
Saale-Unstrut ist eine Region, in der fast jeder Ausflug eine neue Epoche öffnet. Im Kloster Memleben sitzt man unter einer alten Kastanie im Kreuzgang und erlebt eine Ruhe, die längst selbst zur Sehenswürdigkeit geworden ist. Teile der Anlage sind Ruine, im Sommer finden dort Veranstaltungen statt, und übernachten kann man ebenfalls. Zugleich war Memleben ein wichtiger Ort mittelalterlicher Herrschaft: König Heinrich I. und Kaiser Otto I. starben hier.
Im Schloss Neu-Augustusburg in Weißenfels führt eine Tür unvermittelt in eine vollständige Schlosskirche. An ausgewählten Tagen lässt sich auch die Fürstengruft besichtigen. Das Museum im Schloss schlägt mit seiner Schuhausstellung den Bogen von der regionalen Produktion über die DDR-Geschichte bis zu außergewöhnlichem zeitgenössischem Design.
Noch eindringlicher ist der Blick auf ein scheinbar gewöhnliches Feld bei Lützen. Dort fand 1632 eine der blutigsten Schlachten des Dreißigjährigen Krieges statt. Ein bewusst karger Museumsbau rahmt die Landschaft durch ein großes Fenster. Nach Waffen, Funden und menschlichen Überresten in der Ausstellung sieht dieses Kornfeld nicht mehr aus wie zuvor. Der Ort macht ohne großes Pathos spürbar, wie sinnlos Krieg ist.
Jena: Der zweite Blick lohnt sich
Jena ist keine Stadt, die sich sofort als Postkartenidylle aufdrängt. Gerade deshalb überrascht sie. Alles liegt nah beieinander, vieles lässt sich zu Fuß erreichen, und vom JenTower wird sichtbar, was unten leicht untergeht: Die Stadt liegt mitten im Grünen. Saale, Hügel und Wald sind keine ferne Kulisse, sondern Teil des Alltags. Vom Turm sind es nur wenige Schritte bis zur Wagnergasse mit kleinen Läden, Cafés, Restaurants und einem fast kleinstädtischen Platz – ein Kontrast, der Jena ziemlich gut zusammenfasst.
Auch die Gärten erzählen von dieser Mischung. In Schillers Gartenhaus wird Literaturgeschichte konkret. Friedrich Schiller lebte hier mehrere Jahre; in einer schmalen, zweigeschossigen Gartenhütte arbeitete er unter anderem an bedeutenden Werken. Fast nebenan liegt »Der Garten«, ein bewusst etwas wild gebliebenes Café mit Bauwagen, zusammengewürfelten Stühlen und viel Platz zum Sitzen, Reden und Bleiben. In derselben Ecke befinden sich das Theaterhaus, weitere Cafés und ein Plattenladen. Aus Weltliteratur und Gegenwartskultur wird innerhalb weniger Schritte ein zusammenhängender Stadtraum.
Wissenschaft gehört in Jena ebenfalls nicht ins Hintergrundrauschen. Das Zeiss-Planetarium zählt zu den traditionsreichsten Planetarien der Welt und wurde 2026 technisch umfassend erneuert. Seine Geschichte ist eng mit Carl Zeiss und der optischen Industrie der Stadt verbunden – einer Firmengeschichte mit wissenschaftlichen Spitzenleistungen, aber auch dunklen Kapiteln, die mitgedacht werden müssen. Heute ermöglicht die neue Projektionstechnik wieder einen besonders präzisen Blick in die unendlichen Weiten.
Die Kultur einer Stadt zeigt sich im Kleinen
Was von Jena besonders hängen bleibt, sind jedoch nicht nur Bauwerke oder Museen, sondern die Menschen, die ihre Stadt gestalten. Eine junge lokale Band, die morgens vor einem Café spielt. Eine Betreiberin, die bewusst Raum für solche Auftritte schafft. Passanten mit Kinderwagen, ältere Menschen, die stehen bleiben und mittanzen. Keine Großveranstaltung, sondern ein kleiner Moment, der zeigt, wie lebendig Kultur sein kann.
Solche Orte und Begegnungen setzen einfachen Bildern über Thüringen und Sachsen-Anhalt etwas entgegen. Jena wirkt studentisch, progressiv, kreativ und angenehm unaufgeregt. Am Saaleufer liegt das »Paradies«, ein breiter Grünzug mit Wegen und Skatepark. Wer noch weiter hinauswill, erreicht schnell die SaaleHorizontale: Der rund 90 Kilometer lange Wanderweg führt über die Höhen rund um Jena und eröffnet immer neue Blicke ins mittlere Saaletal.
Porzellan von oben und Musik unter Wasser
Auch im Umland setzt sich das Prinzip fort: Hinter einem zunächst harmlosen Namen wartet oft etwas Unerwartetes. Die 800 Jahre alte Leuchtenburg sitzt auf einem Hügel südlich von Jena und bietet weite Ausblicke bis in den Thüringer Wald. In ihren »Porzellanwelten« geht es um die lange Thüringer Porzellantradition – von winzigen Exponaten bis zu großen Installationen. Ein Steg ragt weit über den Hang hinaus; tief darunter liegen Scherben, die Besucherinnen und Besucher beim traditionellen Wunsch-Wurf in die Tiefe geschickt haben.
Noch ungewöhnlicher ist die Toskana Therme in Bad Sulza. Ihr »Liquid Sound« macht Musik unter Wasser hörbar – nicht als nette Ergänzung eines Schwimmbads, sondern als Idee, um die herum Architektur und Technik entwickelt wurden. Speziell bearbeitete Klänge werden im Wasser über den Körper wahrgenommen; dazu kommen Lichtprojektionen, warme Becken und gelegentliche Live- oder DJ-Formate. So wird aus einem Thermenbesuch ein ziemlich eigensinniges Hörerlebnis.
Eine Region, die größer ist als ihr Ruf
Saale-Unstrut und Jena lassen sich schwer auf einen einzelnen Höhepunkt reduzieren. Die Himmelsscheibe wäre allein schon Grund genug für die Reise. Dazu kommen der Naumburger Dom, Weinberge, Klöster, Schlösser, moderne Küche, Literatur, Wissenschaft und eine Gegenwartskultur, die oft in kleinen, liebevoll geschaffenen Orten sichtbar wird.
Vielleicht ist genau das die Stärke dieser Gegend: Sie drängt sich nicht auf. Man muss ein wenig genauer hinsehen, manchmal eine Nacht länger bleiben und sich von Menschen erzählen lassen, was hinter der nächsten Tür, auf dem nächsten Hügel oder in einem scheinbar gewöhnlichen Feld steckt. Dann wird aus einem Zwischenstopp eine Reise durch Jahrtausende – und aus einer Region, die man kaum kannte, eine, die man so schnell nicht wieder vergisst.
Diese Folge entstand mit freundlicher Unterstützung der Saale-Unstrut-Tourismus GmbH und ihren Partnern.






