Wenn von den großen Metropolen Asiens die Rede ist, fallen die Namen fast automatisch: Tokio, Bangkok, Seoul, Hongkong, Singapur. Städte, die leuchten, lärmen, schwitzen, überwältigen. Und dann gibt es Taipeh. Eine Hauptstadt, die oft übersehen wird – und gerade deshalb so überrascht.
Taipeh ist nicht die lauteste Stadt Asiens. Nicht die glamouröseste. Nicht diejenige, die sofort mit einem einzigen Bild im Kopf aufpoppt. Aber vielleicht ist genau das ihr Geheimnis. Denn Taipeh kann vieles gleichzeitig: Hightech und Tradition, Streetfood und Design, alte Tempel und Bambus-Wolkenkratzer, Neonlicht und subtropisches Grün. Eine Stadt, in der morgens der Duft von Sojamilch und gerösteten Erdnüssen aus kleinen Frühstücksbuden zieht, während nebenan jemand Tai-Chi macht und im Hintergrund der Taipei 101 in den Himmel ragt.
Taipeh ist eine Stadt, die nicht brüllt: „Schau mich an!“ Sie sagt eher: „Komm näher.“ Und dann lässt sie einen nicht mehr los.
Eine Großstadt, die plötzlich Regenwald wird
Taiwan ist kleiner als die Schweiz, ungefähr so groß wie Baden-Württemberg – und doch leben hier rund 23 Millionen Menschen. Allein im Großraum Taipeh sind es etwa sieben Millionen. Klingt nach dicht, nach eng, nach Großstadtwahnsinn. Ist es auch. Aber eben auf eine erstaunlich angenehme Art.
Denn Taipeh liegt nicht einfach nur in einer urbanen Ebene. Die Stadt ist umgeben von Bergen, subtropischem Regenwald, heißen Quellen und Nationalparks. Aus dem Stadtkern ist man in überraschend kurzer Zeit mitten im Grünen oder sitzt wenig später in einem dampfenden Schwefelbad. Diese Nähe zur Natur ist kein kleines Extra, sondern Teil des Lebensgefühls der Stadt.
Und trotzdem bleibt dieser Beitrag in der City. Bei alten Handelsstraßen, Nachtmärkten, Designzentren, versteckten Bars und einem Hotel, unter dem jahrzehntelang ein Atombunker verborgen lag.
Dadaocheng: Wo Taipeh nach Oolong-Tee, Räucherstäbchen und Geschichte riecht
Wer Taipeh verstehen will, sollte in Dadaocheng anfangen. Das historische Viertel gehört zu den ältesten und atmosphärischsten Ecken der Stadt – und erzählt viel darüber, wie Taipeh überhaupt zu Taipeh wurde.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Dadaocheng zu einem der wichtigsten Handelszentren der Region. Vor allem Oolong-Tee machte den Stadtteil berühmt. 1869 wurden von hier aus große Mengen taiwanesischer Tee nach New York verschifft – und plötzlich wurde Oolong auch im Westen zum begehrten Getränk. Dadaocheng wurde für eine Zeit so etwas wie die Teehauptstadt der Welt.
Heute läuft man durch die Dihua Street und spürt diese Geschichte noch immer. Alte chinesische Shophouses reihen sich aneinander, unten Läden, Restaurants, Apotheken, Teehäuser – oben Wohnungen, Balkone, warme Fensterlichter. Dazwischen kleine Tempel, aus denen Weihrauch in die Straße zieht. Lampions hängen über den Gassen. Hinter den historischen Fassaden leuchtet das moderne Taipeh.
Die Dihua Street ist kein Museum. Sie ist lebendig. Voll. Duftend. Manchmal überwältigend. Aber nie unangenehm. Dieses Gewimmel hat eine besondere Sanftheit. Menschen schieben sich an Streetfood-Ständen vorbei, bleiben stehen, probieren, lachen, helfen einander. Taipeh ist voll Energie, aber selten aggressiv. Selbst dort, wo viel los ist, wirkt die Stadt erstaunlich rücksichtsvoll.
Streetfood zwischen Sticky Rice, Stinky Tofu und Sesam-Crunch
Dadaocheng ist ein Traum für alle, die gerne essen – und für alle, die Essen gern anschauen, riechen, bestaunen und nicht immer sofort verstehen müssen.
Auf der Dihua Street mischen sich die Gerüche von Klebereis, Stinky Tofu, Gewürzen, geröstetem Sesam, Tee, Räucherstäbchen und frittierten Snacks. In alten Apotheken liegen getrocknete Reishi-Pilze, Ginseng, Schwalbennester, Seepferdchen und Hirschgeweih in großen Glaszylindern. An anderen Ständen stapeln sich Nüsse, Trockenfrüchte, Fleischsnacks, Süßigkeiten, Sesamrollen, Pasteten, eingelegte Eigelbe und Dinge, für die man manchmal erst einmal eine Erklärung braucht.
Taiwan macht aus Lebensmitteln gern sehr viele verschiedene Dinge. Fleisch, Gemüse, Nüsse, Tee, Reis – alles kann getrocknet, halb getrocknet, fermentiert, gefüllt, gerollt, süß, salzig, weich, knusprig oder irgendwo dazwischen sein. Genau darin liegt dieser schöne, leicht überfordernde Reiz: Man steht davor und denkt, dass ein einziges Lebensmittel offenbar ein ganzes Universum sein kann.
Unbedingt probieren: Gua Bao. Diese weichen, fluffigen Brötchen, oft gefüllt mit Schweinebauch, Kräutern, eingelegtem Gemüse und Erdnusspulver, gehören zu den großen kleinen Glücksmomenten Taiwans. Ein Snack, der aussieht wie Streetfood und schmeckt wie ein sehr guter Grund, sofort wiederzukommen.
Am Wasser: Dadaocheng Wharf Container Market
Nur ein kleines Stück weiter liegt das Wasser. Durch ein Tor, über die Straße, hinaus zum Dadaocheng Wharf Container Market. Alte Container wurden hier zu Foodständen umgebaut, oben drauf sitzen Menschen auf kleinen Dachterrassen, trinken Bier oder Cocktails, essen Chicken Wings, Burger, Noodles, Seafood oder Fusion-Gerichte und schauen Richtung Sonnenuntergang.
Es ist einer dieser Orte, an denen Taipeh plötzlich ganz leicht wird. Weniger historisch, weniger dicht, weniger aromatisch überfordernd als die Dihua Street – dafür entspannt, offen, ein bisschen urban-romantisch. Wenn die Sonne mitspielt, ist das einer der schönsten Spots der Stadt für den Abend. Wenn sie sich hinter Wolken versteckt, bleibt es trotzdem ein guter Ort, um kurz durchzuatmen.
Ningxia Night Market: Klein, eng, großartig
Taipeh ohne Night Market? Eigentlich unmöglich.
Der Ningxia Night Market gehört zu den kleineren Nachtmärkten der Stadt, aber genau das macht ihn so angenehm. Eine schmale Straße, links und rechts Foodstände, ab etwa 17 Uhr bis ungefähr Mitternacht. Kein riesiges Labyrinth, sondern eine konzentrierte Spur aus Dampf, Fett, Licht, Stimmen und Gerüchen.
Hier gibt es Austernomelett, Hühnerreis, Gua Bao, Pilze in absurd beeindruckenden Größen, Innereien, Entenzunge, frittierte Snacks, Süßes, Suppen, Teigiges, Knuspriges, Weiches. Manches ist vertraut, manches fordert heraus. Aber genau dafür sind Nachtmärkte da: nicht nur zum Sattwerden, sondern zum Staunen.
Und dann gibt es Erdnusseisrollen.
Schon diese drei Wörter reichen eigentlich: Erdnuss. Eis. Rollen. Frisch gehobelte Erdnussbrocken, Vanilleeis, ein dünner Crêpe oder Reispapierfladen, alles zusammen eingerollt. Warm und kalt, cremig und nussig, weich und leicht knusprig. Ein Dessert, das so schlicht klingt und dann völlig unverhältnismäßig glücklich macht.
Eine Bar, die so tut, als gäbe es sie nicht
Taipeh kann aber nicht nur Streetfood. Taipeh kann auch leise, dunkel, elegant und sehr gut gemixt.
Im Zhongshan District versteckt sich die BOOK ING Bar – eine Speakeasy Bar, also eine Bar, die nicht sofort gefunden werden möchte. Kein großes Schild, keine Leuchtreklame, kein offensichtlicher Eingang. Man läuft durch eine eher unscheinbare Straße, steht vor einer Adresse, zweifelt kurz an Google Maps, geht in ein Gebäude, nimmt eine schmale Treppe, sucht eine Tür, eine Klingel, irgendeinen Hinweis.
Und genau das ist Teil des Spiels.
Drinnen wartet gedämpftes Licht, dunkles Holz, kleine Sitznischen, ruhige Gespräche und eine Atmosphäre, die mehr nach Aperitif, Nachtgedanken und guten Cocktails klingt als nach Party. Speakeasy Bars haben ihren Ursprung in der amerikanischen Prohibition der 1920er-Jahre, als Alkohol verboten war und heimliche Bars in Hinterzimmern entstanden. Heute ist daraus eine Art Gegenentwurf zur lauten Ausgehkultur geworden: versteckt, ruhig, stilvoll.
Die BOOK ING Bar passt perfekt zu Taipeh. Kreativ, unaufgeregt, ein bisschen geheimnisvoll. Es gibt Drinks, die nicht einfach nur Alkohol mit Deko sind, sondern kleine Kompositionen. Traube, Gin, Kräuterbitter, frische Noten, unerwartete Kombinationen. Eine Bar für Menschen, die nicht unbedingt feiern müssen, um einen Abend großartig zu finden.
Songshan Cultural and Creative Park: Von der Zigarettenfabrik zum Designzentrum
Nur etwa 500 Meter vom Taipei 101 entfernt liegt ein Ort, der leicht im Schatten des berühmten Bambus-Wolkenkratzers verschwindet – dabei gehört er zu den spannendsten Adressen der Stadt: der Songshan Cultural and Creative Park.
Das Gelände war früher eine Zigarettenfabrik. Gebaut wurde sie 1937, als Taiwan noch unter japanischer Kolonialherrschaft stand. Damals galt sie als hochmodern: geschwungene Linien, helle Räume, große Fenster, klare Formen. Ein Industriekomplex, der nicht nur aus Produktionshallen bestand, sondern auch aus Wohnheimen, Kantine, Badehaus, Wäscherei und Kinderbetreuung. Eine kleine Stadt in der Stadt.
1998 wurde die Fabrik geschlossen. Zum Glück wurde sie nicht abgerissen. Heute ist daraus eines der wichtigsten Design- und Kreativzentren Taipehs geworden. In den alten Hallen sitzen Galerien, Designshops, Cafés, Ausstellungsräume, kleine Läden, Popkultur-Orte und kreative Werkstätten. Es gibt wunderschön gestaltete Alltagsgegenstände, Teekannen, Thermoskannen, Papeterie, Manga-Läden, Escape Rooms, Kunst und Kaffee.
Der Songshan Cultural and Creative Park ist ein Ort, an dem Strukturwandel plötzlich sehr schön aussieht. Ein bisschen wie Zeche Zollverein auf taiwanesisch – nur mit mehr Tee, mehr Design und mehr subtropischem Grün. Besonders an Regentagen ist das ein perfekter Ort. Und Regentage kennt Taipeh gut.
Chifeng Street: Wo Schweißgeräte neben Matcha Latte stehen
Manchmal entdeckt man die besten Viertel, weil man falsch abbiegt.
Rund um die Chifeng Street im Zhongshan District zeigt Taipeh eine besonders schöne Mischung aus alt und neu. Früher war die Gegend geprägt von Werkstätten, Metallbetrieben, Autoteilen, Schlossereien und kleinen Handwerksläden. Noch heute stehen dort Männer im Overall zwischen Blechen, Rohren und Ersatzteilen, Funken fliegen durch die Abendluft, es riecht nach Metall und Öl.
Und zwei Türen weiter sitzt jemand mit großen Kopfhörern vor einem Laptop und trinkt Matcha Latte.
Genau daraus entsteht die Magie dieses Viertels. Werkstatt neben Designshop. Schweißgerät neben Espressomaschine. Mofa mit Metallrohren neben jungen Leuten in perfekt gestylten 90er-Jahre-Outfits. Alte Ladenfronten, kleine Boutiquen, Cafés, Plattenläden, Katzen-Nippes, Papeterie, Vintage-Vibes und sehr guter Kaffee.
Die Chifeng Street ist eines dieser Viertel, die noch nicht komplett geglättet wirken. Man merkt zwar, dass Gentrifizierung längst begonnen hat. Es werden weniger Werkstätten, mehr schöne Shops. Aber gerade noch existiert diese Spannung nebeneinander. Das Alte ist noch da. Das Neue drängt sich dazu. Und dazwischen entsteht ein Taipeh-Moment, der sich sehr echt anfühlt.
Ein guter Stopp: Dumbo Coffee. Retro, gemütlich, ein bisschen abgerockt, mit starkem Kaffee und diesem Blick auf die Straße, auf der Taipeh einfach weiter sein Ding macht.
Das Grand Hotel: Drachenpalast mit geheimem Bunker
Zum Finale wird es groß. Sehr groß.
Das Grand Hotel Taipei steht auf einem Hügel über der Stadt, mit rotem Dach, mächtigen Säulen und dieser dramatischen Silhouette, die schon von weitem wirkt wie ein Palast aus einer anderen Zeit. Eröffnet wurde der erste Teil 1952, später wuchs das Gebäude zu einem der bekanntesten Hotels Taiwans heran. Staatsgäste, Politikerinnen, historische Persönlichkeiten – sie alle kamen hier vorbei.
Aber das Grand Hotel ist nicht nur wegen seiner Geschichte besonders. Es ist vor allem ein Auftritt.
Die Lobby ist weniger Lobby als Saal. Hoch, rot, golden, opulent. Überall Drachen: an Säulen, Decken, Geländern, Wandtafeln, Aufzügen, Böden. Rund 200.000 Drachen sollen im Hotel verarbeitet sein. Deshalb trägt es auch den Spitznamen „Dragon Palace“. Ein Ort, an dem Menschen nicht nur einchecken, sondern stehen bleiben, fotografieren, nach oben schauen.
Und dann ist da noch der geheime Teil der Geschichte: Unter dem Hotel befindet sich ein alter Bunker mit Tunneln und Geheimgängen. Jahrzehntelang wusste kaum jemand davon. Erst nach einem Brand wurde dieser verborgene Bereich bekannt. Heute sind Teile davon zugänglich.
Im Untergeschoss befindet sich außerdem eine Bar, die wie eine Rooftop-Bar im Keller wirkt: niedrigere Decken, stylische Drinks, besondere Atmosphäre. Ein ziemlich perfekter Ort, um eine Reise durch Taipeh ausklingen zu lassen – unter einem Palast voller Drachen, über einem Stück verborgener Geschichte.
Taipeh ist kein Zwischenstopp. Taipeh ist ein Ziel.
Viele reisen über Taipeh weiter. Nach Japan, Südostasien, Australien. Ein Zwischenstopp, ein Flughafen, vielleicht eine Nacht. Aber Taipeh verdient mehr als das.
Mindestens 48 Stunden. Besser mehr.
Denn diese Stadt hat etwas, das in großen Metropolen selten geworden ist: Sie ist aufregend, ohne einen zu erschlagen. Sie ist dicht, aber freundlich. Kreativ, aber nicht kühl. Historisch, aber nicht museal. Modern, aber nicht glatt. Taipeh fühlt sich an wie eine Mischung aus Japan, China und Südostasien – und ist dabei doch ganz eindeutig es selbst.
Eine sichere, offene, tolerante Stadt. Familienfreundlich, queerfreundlich, gut zugänglich, angenehm zu erkunden. Eine Stadt für Menschen, die gern essen, laufen, schauen, staunen, trinken, lesen, fotografieren, sich verlaufen und dann merken, dass genau das der beste Teil des Tages war.
Taipeh ist vielleicht nicht die erste Stadt, an die man denkt, wenn es um Asien geht.
Aber sie sollte sehr weit oben auf die Liste.




Diese Folge entstand mit freundlicher Unterstützung der Taiwan Tourism Administration. Kontakt, Informationen über Taiwan und Rückfragen: taiwantourismus.de


