Die Schiebetür des Hotels öffnet sich und sofort ist alles Tokio. Links leuchtet ein Convenience Store, rechts stapelt ein Laden Reinigungsmittel, Schuhe, Batterien und Süßigkeiten bis unter die Decke. Busse ziehen über die Hauptstraße, Züge rauschen über erhöhte Gleise und elegant gekleidete Menschen verschwinden im Minutentakt in der Station Gotanda.
Nur eine Ecke weiter steht ein älterer Mann in seiner offenen Garage. Vor ihm: ein Klapptisch voller kleiner Pflanzenwelten. Moos wächst über flache Schalen, zwischen den Blättern stehen winzige Hütten, Zäune und Figuren. Alles ist von Hand gebaut, nichts wirkt kitschig. Mitten im Gewusel einer der modernsten Städte der Welt öffnet sich ein grünes Miniaturuniversum. Natürlich kaufen Jochen und seine Partnerin eines davon – obwohl eine lebende Pflanze auf Reisen ungefähr das unpraktischste Souvenir überhaupt ist.
Genau von solchen Begegnungen handelt der zweite Teil der Tokio-Reise. Von Vierteln, die gerade erst entdeckt werden, von Menschen, die einer einzigen Idee mit größter Hingabe folgen, und von den vielen kleinen Welten, die in dieser riesigen Stadt nebeneinander existieren.
Gotanda als Basis für Tokio
Gotanda liegt an der Yamanote Line, der bekannten Ringlinie rund um das Zentrum. Shibuya und Shinjuku sind schnell erreichbar, die Hotels häufig günstiger als in den berühmteren Vierteln. Damit steckt in Gotanda auch gleich einer der wichtigsten Tipps für die erste Tokio-Reise: Bei der Unterkunft ist die Nähe zu einer Bahnstation oft entscheidender als der Name des Viertels. Die Stadt ist riesig und öffentliche Verkehrsmittel gehören zum Alltag jeder Reise.
Das Viertel galt lange als eher unspektakulär und besitzt auf einer Seite des Bahnhofs eine kleine Rotlichtecke. Inzwischen ziehen junge Leute und neue Konzepte ein. Es gibt schöne Bars, Robotercafés und immer mehr Adressen, für die man auch ohne günstiges Hotel nach Gotanda fahren würde.
Dazu gehört Season Bakery and Coffee. Im Eingangsbereich wartet eine Bäckerei voller Teilchen, dahinter eine Mischung aus Café und japanisch interpretiertem American Diner. Avocado und Tomate schmecken hier plötzlich außergewöhnlich, Seeschnecken treffen auf Pfirsich und ein Croissant wird mit Kumquats gefüllt. Kombinationen, auf die man selbst kaum käme – und die in Tokio trotzdem vollkommen logisch wirken.
Zu Fuß am Meguro River
Nach dem Frühstück bietet sich ein Spaziergang am Meguro River an. Der Weg ist nicht überall als große Sehenswürdigkeit inszeniert. Gerade deshalb eignet er sich so gut, um die Stadt kennenzulernen. Man läuft durch Wohnstraßen, über große Kreuzungen und an kleinen Läden vorbei und erreicht nach ungefähr einer halben Stunde Meguro.
In ehemaligen Lagerhallen verstecken sich Pop-up-Stores, die schon durch ihre Räume und Musik zum Erlebnis werden. Daneben steht mit dem Hotel Gajoen Tokyo ein Haus, das beinahe eine eigene Stadt bildet. Ein historischer Flügel führt über hölzerne Treppen durch kunstvoll ausgestattete Räume mit Deckenmalereien, besonderen Fenstern und kleinen Nischen. Wechselnde Ausstellungen zeigen dort zum Beispiel Ikebana – japanische Blumenkunst, die weit über das klassische Gesteck hinausgeht. Im modernen Teil warten Cafés, Restaurants und ein eigener japanischer Garten.
Nur wenige Minuten entfernt folgt der denkbar größte Kontrast: das Meguro Parasitological Museum. Das kleine, eintrittsfreie Museum widmet sich mit rund 300 Präparaten einer sehr speziellen Leidenschaft. Berühmtester Bewohner ist ein 8,8 Meter langer Bandwurm. Sogar einen Museumsshop gibt es. Tokio wäre nicht Tokio, wenn nicht auch diese Nische liebevoll bis zum letzten Detail erzählt würde.
Tausend Jahre in einer Bonsaischale
Noch tiefer in eine Miniaturwelt führt das Shunkaen Bonsai Museum im Osten Tokios. Die Anreise dauert vom Zentrum aus eine gute Stunde und endet in einer ruhigen Vorstadt. Auf dem Gelände leben Hunderte Bonsai, darunter Bäume, die mehr als tausend Jahre alt sind.
Sie werden Blatt für Blatt gepflegt und über Generationen weitergegeben. Jeder Bonsai ist Natur und Kunstwerk zugleich – fragil, lebendig und niemals abgeschlossen. Nach den flimmernden Fassaden von Shibuya zeigt dieser Ort eine ganz andere Seite der Stadt: langsam, konzentriert und vollkommen still.


Shibuya zwischen Vinyl und virtuellen Welten
Shibuya ist weit mehr als die berühmte Kreuzung. Nur ein paar Straßen von den großen Bildschirmen entfernt liegen ruhige Wohnviertel, kleine Cafés und Orte, an denen Tokios Tempo plötzlich auf null sinkt. Einer davon ist eine sogenannte Vinyl Listening Bar nahe dem Yoyogi Park.
Drinnen bestimmen Holz, gedämpftes Licht und eine gewaltige, perfekt auf den Raum abgestimmte Musikanlage die Atmosphäre. Gespräche und Fotos sind unerwünscht. Die Gäste bestellen ein Getränk, setzen sich hin und hören einer Schallplatte zu. Eine physische Nadel, ein bewusst ausgewähltes Album und sonst fast nichts – ein Gegenentwurf zum Gewusel vor der Tür.
Tokio kann aber auch das genaue Gegenteil. In Spielhallen wird getanzt, getrommelt und gefahren, oft gemeinsam und ganz selbstverständlich über Generationen hinweg. Virtual Reality macht aus Mario Kart eine körperliche Erfahrung, Greifautomaten spucken Kuscheltiere oder, mit etwas fragwürdigem Glück, zwei Hände voll Plastikdiamanten aus. Joypolis in Odaiba bündelt Arcade-Spiele, Virtual Reality und sogar Achterbahnen auf mehreren Etagen. In Akihabara warten außerdem Retrospiele, Konsolenklassiker und ganze Kaufhäuser voller Popkultur.
Ryogoku und die Welt des Sumo
Ryogoku ist als Sumoviertel bekannt, aber auch hier führt eine Tür sofort zu mehreren Welten. Im Ryogoku Kokugikan finden drei der sechs großen jährlichen Turniere statt. Karten sind inzwischen begehrt, doch wer zur richtigen Zeit in Tokio ist, sollte es versuchen. Sumo ist nicht einfach ein Ringkampf, sondern ein tief ritualisierter Einblick in japanische Kultur.
In den Straßen liegen Trainingsställe, mit etwas Planung kann man gelegentlich beim Training zusehen. Immer wieder begegnen einem die gewaltigen Kämpfer auch im Alltag. Restaurants servieren Chanko Nabe, den nahrhaften Eintopf der Sumoringer – für Gäste glücklicherweise in normaler Portionsgröße.
Daneben erzählt das Edo-Tokyo Museum die Entwicklung der Stadt von Edo zu Tokio und wirkt von außen selbst wie ein riesiges graues Raumschiff auf Stelzen. Das Sumida Hokusai Museum widmet sich dem Künstler hinter der berühmten Großen Welle vor Kanagawa. Und im öffentlichen Badehaus Edo-Yu endet der Tag zwischen warmem Wasser, Kunst und einer Fassade aus Metallplatten, die wie Vorhänge im Wind aussehen.
Mit Bahn und Karte durch die Stadt
Ohne öffentlichen Nahverkehr funktioniert Tokio kaum. Das Netz ist riesig und gelegentlich verwirrend, aber zuverlässig und hervorragend organisiert. Eine Suica- oder Pasmo-Karte macht vieles leichter: Sie wird aufgeladen und beim Betreten und Verlassen des Bahnbereichs einfach an die Schranke gehalten. Bezahlen kann man damit häufig auch in Convenience Stores.
Dass man sich in einem Bahnhof einmal verläuft, gehört trotzdem dazu. Farben und Stationsnummern helfen bei der Orientierung, ebenso Navigations-Apps. Wichtig ist nur, in Tokio auch nach oben zu schauen: Das gesuchte Café kann sich im dritten oder vierzehnten Stock befinden, obwohl die Karte längst behauptet, man sei angekommen.
Auch bei der Wahl des Flughafens kann man entspannt bleiben. Haneda liegt näher am Zentrum, doch sowohl Haneda als auch Narita sind gut an den Nahverkehr angebunden. Für besondere Situationen lassen sich Taxis über bekannte Apps bestellen. Im Alltag bleiben Bahn und Metro aber fast immer die beste Wahl.
Tokio ganz ohne Menschen
Am Neujahrsmorgen erlebt Jochen die Stadt schließlich so, wie man sie kaum kennt. Viele Menschen verbringen den Jahreswechsel mit ihren Familien außerhalb Tokios. Selbst Shibuya ist am Silvesterabend erstaunlich leer, Geschäfte sind geschlossen und von großer Straßenparty keine Spur.
Früh am 1. Januar gleitet das Taxi auf dem Weg zum Flughafen durch eine fast menschenleere Stadt. Der Himmel ist klar, die aufgehende Sonne spiegelt sich in den Hochhäusern. Brücken, Wasser und Häuserschluchten ziehen wie ein 45-minütiger Bildschirmschoner vorbei. Die Kulissen sind dieselben, doch ohne die Menschen wirkt Tokio plötzlich wie eine Animation.
Vielleicht ist genau das das passende Ende für diese beiden Folgen. Tokio zeigt immer noch eine weitere Seite, sobald man glaubt, die Stadt langsam verstanden zu haben. Ein bisschen wie ein eigenes Universum auf unserem Planeten.
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Diese Folge entstand mit freundlicher Unterstützung von Tokyo Tourism - Representative For Germany.





