Grizzlybären, die durch Flüsse tollen, Orcas vor der Küste und Fjorde, die aussehen wie aus einer anderen Welt: Willkommen auf Vancouver Island! Die kanadische Insel vor der Küste British Columbias ist ein Paradies für alle, die wilde Natur lieben. Dazu gibt es charmante Hafenstädte, spektakuläre Roadtrip-Strecken und jede Menge Überraschungen. Eine Reise durch eine der schönsten Regionen Kanadas.
Vancouver Island: Kanadas wilde Westküste
Kanada ist riesig. Und Vancouver Island ist es auch. Die Insel vor der Westküste British Columbias erstreckt sich über rund 450 Kilometer und ist damit ungefähr so groß wie Belgien. Wer hier einen Roadtrip plant, sollte also genügend Zeit mitbringen. Nicht nur für die Entfernungen, sondern vor allem für die vielen Stopps, die sich unterwegs geradezu aufdrängen.
Besonders im Herbst zeigt sich Vancouver Island von einer beeindruckenden Seite: Bunte Laubwälder treffen auf immergrüne Nadelbäume, die Sonne lässt das Wasser glitzern und hinter jeder Kurve wartet eine neue Postkartenkulisse. Manchmal fühlt sich die Fahrt durch die Landschaft an wie ein endloser Bildschirmschoner. Nur eben in echt.
Die perfekte Begleitung? Ein Mietwagen, eine gute Playlist, ein Flat White und ein Apple Fritter von Tim Hortons. Und natürlich jede Menge Vorfreude auf die Tierwelt Kanadas.
Anreise nach Vancouver Island: Mit der Fähre ins Abenteuer
Der ideale Ausgangspunkt für einen Roadtrip auf Vancouver Island ist Vancouver. Von Frankfurt aus ist die kanadische Metropole mit einem Direktflug in etwa zehn Stunden erreichbar. Von dort geht es mit dem Mietwagen weiter zum Fähranleger.
Die Fähren von BC Ferries verbinden das Festland mit Vancouver Island. Je nach Route dauert die Überfahrt etwa zwei bis drei Stunden und ist bereits ein Erlebnis für sich: Große Schiffe, eine beeindruckende Küstenlandschaft und mit etwas Glück fantastische Ausblicke auf das Wasser und die umliegenden Inseln.
Für einen Roadtrip entlang der Ostküste bietet sich die Überfahrt nach Nanaimo an. Von dort führt die Route Richtung Norden nach Campbell River – dem Ausgangspunkt für ein ganz besonderes Abenteuer in der Wildnis.
Nanaimo: Charmante Hafenstadt mit überraschender Geschichte
Eigentlich eignet sich Nanaimo hervorragend für einen kurzen Zwischenstopp. Doch die kleine Hafenstadt hat ihren ganz eigenen Charme und verdient durchaus etwas mehr Aufmerksamkeit. Fischerboote schaukeln im Wasser, Möwen kreisen über dem Hafen, Wasserflugzeuge starten vor der Küste und historische Gebäude prägen die Straßen der Innenstadt.
Ein bisschen fühlt sich Nanaimo an wie die Kulisse eines nordamerikanischen Films aus den Achtzigern. Beschaulich, nostalgisch und irgendwie geheimnisvoll. Als könnte hinter der nächsten Straßenecke jederzeit die Handlung eines Stephen-King-Romans beginnen.
Besonders lohnenswert ist ein Besuch im Nanaimo Museum. Hier lässt sich viel über die Geschichte der Region erfahren, die im 19. Jahrhundert stark vom Kohlebergbau geprägt war. Auch die Geschichten der Einwanderer und die Kultur der indigenen Bevölkerung spielen eine wichtige Rolle.
Kanada ist Heimat zahlreicher indigener Gemeinschaften mit eigenen Traditionen, Sprachen und Geschichten. Dazu zählen die First Nations, Métis und Inuit. Sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen, eröffnet einen ganz anderen Blick auf das Land und seine Landschaften.
Und dann wäre da noch Nanaimos geheimnisvolle Seite: Die Stadt bietet Geisterführungen an und hat mit der historischen Sekte um Brother XII sogar eine ziemlich ungewöhnliche Vergangenheit. Bis heute ranken sich Legenden um angeblich versteckte Goldschätze in der Region.
Highway 19A: Eine der schönsten Roadtrip-Strecken auf Vancouver Island
Von Nanaimo führt die Reise weiter nach Campbell River. Wer diese Strecke fährt, hat grundsätzlich zwei Möglichkeiten: den schnelleren Highway 19 im Inselinneren oder den Highway 19A entlang der Küste.
Die Empfehlung fällt eindeutig auf die Küstenstraße. Hier geht es vorbei an kleinen Ortschaften, einsamen Buchten, Wäldern und immer wieder wunderschönen Ausblicken auf das Meer. Gerade im Herbst ist die Strecke mit ihren bunten Bäumen besonders reizvoll.
Für die Rückfahrt bietet sich der Highway 19 an, sodass sich beide Strecken miteinander kombinieren lassen.
In Campbell River wartet mit dem Naturally Pacific Resort eine schöne Unterkunft. Das Hotel liegt etwas oberhalb des Ortes und bietet neben komfortablen Zimmern auch einen Spa-Bereich und ein gutes Restaurant.
Und dort wartet gleich die nächste Überraschung: kanadischer Wein! Denn British Columbia kann nicht nur Wildnis, sondern auch Weinbau. Besonders das Okanagan Valley im Süden der Provinz ist für seine zahlreichen Weingüter bekannt. Wer also bei Kanada ausschließlich an Ahornsirup und unendliche Wälder denkt, wird hier eines Besseren belehrt.
Grizzly-Tour ab Campbell River: Auf ins Reich der Bären
Der eigentliche Höhepunkt des Roadtrips beginnt in Campbell River. Denn obwohl Vancouver Island selbst keine dauerhaft ansässige Grizzlypopulation hat, eignet sich der Ort hervorragend als Ausgangspunkt für geführte Touren zu den Bären auf dem nahe gelegenen Festland.
Besonders empfehlenswert ist eine Tour mit Homalco Wildlife & Cultural Tours. Das Unternehmen gehört der Homalco First Nation und verbindet Naturbeobachtungen mit Einblicken in die Kultur und das Wissen der indigenen Gemeinschaft.
Mit einer kleinen Gruppe geht es zunächst per Boot durch die Fjorde. Das Wetter zeigt sich anfangs wenig einladend: Regen, Nebel und graue Wolken hängen über dem Wasser. Doch gerade diese Stimmung verleiht der Landschaft einen besonderen Zauber.
Dichte Wälder reichen bis ans Wasser, vereinzelt stehen Holzhäuser an abgelegenen Ufern und immer wieder verschwinden die Berge in tief hängenden Wolken. Je weiter das Boot fährt, desto größer wird das Gefühl, die Zivilisation langsam hinter sich zu lassen.
Orcas statt Buckelwale: Eine unerwartete Begegnung
Schon die Bootsfahrt hält eine Überraschung bereit. Über Funk kommt die Nachricht, dass in der Nähe Buckelwale gesichtet wurden. Das Boot hält an, alle schauen gespannt aufs Wasser. Doch die Tiere lassen sich zunächst nicht blicken.
Als die Fahrt weitergeht, tauchen plötzlich zwei schwarze Rückenflossen aus dem Wasser auf: Orcas!
Eine Mutter und ihr Jungtier schwimmen entlang der Küste. Die beiden zeigen sich für einige Augenblicke an der Wasseroberfläche, bevor sie wieder in den Tiefen des Fjords verschwinden. Ein Moment, der die enttäuschende Buckelwal-Suche sofort vergessen lässt.
Und dann verändert sich auch noch das Wetter. Die Wolkendecke reißt auf, die Sonne kommt heraus und die bis dahin neblige Landschaft zeigt sich in voller Pracht. Wasserfälle stürzen von den Bergen in die Fjorde, kleine bewaldete Inseln liegen im glitzernden Wasser und das satte Grün der Wälder leuchtet im Sonnenlicht.
Die Kapitänin steuert das Boot sogar ganz nah an einen Wasserfall heran. Eine ziemlich nasse, aber unvergessliche Angelegenheit. Und das eigentliche Highlight des Tages steht zu diesem Zeitpunkt noch bevor.
Grizzlybären in freier Wildbahn: Ein Erlebnis fürs Leben
Nach der Bootsfahrt geht es mit lokalen Guides weiter zu den Beobachtungsplattformen an den Flüssen. Hier kommen die Grizzlybären während der Lachswanderung zusammen, um sich für den Winter satt zu fressen.
Die Gruppe bewegt sich gemeinsam und unter klaren Sicherheitsregeln durch das Gebiet. Schließlich handelt es sich um wilde Tiere, denen man mit entsprechendem Respekt begegnen muss.
Von einer erhöhten Holzplattform aus eröffnet sich der Blick auf einen Fluss, umgeben von dichtem Wald, Kies und Treibholz. Und dann sind sie plötzlich da.
Zwei junge Grizzlybären, mitten im Fluss.
Die beiden sind etwa zwei Jahre alt und spielen miteinander. Sie raufen, springen durchs Wasser und lassen sich von den Menschen auf der Plattform kaum beeindrucken. Wenig später taucht auch ihre Mutter auf – mit einem frisch gefangenen Lachs im Maul, den sie ihren Jungen überlässt.
Die drei Bären fressen, spielen und bewegen sich völlig ungestört durch den Fluss. Ein Naturschauspiel, das allein schon eine ganze Reise wert wäre.
Doch dann wird es noch aufregender.


Wenn Schwarzbären und Grizzlys aufeinandertreffen
Plötzlich erscheinen zwei Schwarzbären am Flussufer. Zunächst scheinen sie die Grizzlyfamilie gar nicht zu bemerken. Doch dann entdecken die beiden jungen Grizzlys die Neuankömmlinge und jagen ihnen hinterher.
Einer der Schwarzbären flüchtet in den Wald, der andere klettert auf einen Baum – nur wenige Meter von der Beobachtungsplattform entfernt. Die jungen Grizzlys stehen am Fuß des Baumes, während ihre Mutter ebenfalls herbeikommt.
Für einige Minuten spielt sich die gesamte Szene unmittelbar vor den Augen der Gruppe ab. Ein wilder, unvorhersehbarer Moment, wie ihn keine Naturdokumentation besser inszenieren könnte.
Schließlich beruhigt sich die Situation. Die Grizzlymutter führt ihre Jungen ein Stück weg und beginnt, sie zu säugen. Laut dem Guide ein Verhalten, das in dieser Situation auch der Beruhigung dient.
Die Schwarzbären können sich wenig später wieder zurückziehen. Zurück bleibt eine Begegnung, die eindrucksvoll zeigt, wie faszinierend und gleichzeitig unberechenbar die Natur sein kann.
Barney: Ein 300 Kilogramm schwerer Grizzly
Als wäre das alles nicht genug, wartet an einer weiteren Beobachtungsstelle noch eine Begegnung mit einem echten Schwergewicht.
Barney, ein etwa 17 Jahre alter und rund 300 Kilogramm schwerer Grizzly, steht im Fluss und fängt einen Lachs nach dem anderen. Mal verharrt er nahezu regungslos im Wasser, dann schnappt er blitzschnell zu.
Und die Begegnung ist so nah, dass sogar der Geruch des riesigen Bären wahrnehmbar wird: eine Mischung aus nassem Hund, Fisch und Moschus.
Über dem Fluss kreist ein Seeadler, im Hintergrund leuchten die herbstlichen Wälder und das Wasser rauscht zwischen den Steinen hindurch. Ein nahezu unwirklicher Moment und der perfekte Abschluss eines außergewöhnlichen Tages.
Tipps für einen Roadtrip auf Vancouver Island
Wer Vancouver Island selbst entdecken möchte, sollte ein paar Dinge bei der Planung berücksichtigen:
Genügend Zeit einplanen: Die Insel ist deutlich größer, als viele zunächst vermuten. Auch kürzere Strecken können durch zahlreiche Fotostopps länger dauern.
Die Küstenstraße nehmen: Der Highway 19A zwischen Nanaimo und Campbell River ist besonders landschaftlich reizvoll.
Fähren frühzeitig planen: BC Ferries verbindet Vancouver Island mit dem Festland. Gerade mit Mietwagen lohnt es sich, die gewünschte Verbindung im Voraus zu reservieren.
Tierbeobachtungen mit Guides unternehmen: Anbieter wie Homalco Wildlife & Cultural Tours ermöglichen respektvolle Begegnungen mit wilden Tieren und vermitteln gleichzeitig Wissen über die Region.
Auf wechselhaftes Wetter vorbereitet sein: Besonders im Herbst kann es regnerisch und kühl werden. Wasserdichte Kleidung und mehrere warme Schichten gehören ins Gepäck.
Auch kleinere Orte entdecken: Nanaimo zeigt, dass sich spontane Zwischenstopps lohnen und hinter unscheinbaren Orten oft interessante Geschichten stecken.
Vancouver Island: Ein kleines Best-of Kanada
Wilde Fjorde, dichte Wälder, charmante Hafenorte und Begegnungen mit Tieren, die man sonst nur aus Naturdokumentationen kennt: Vancouver Island vereint vieles von dem, was Kanada so besonders macht.
Dabei sind es nicht nur die spektakulären Grizzlybären, die diese Reise unvergesslich machen. Es sind auch die überraschenden Begegnungen unterwegs, die Bootsfahrt durch neblige Fjorde, der erste Blick auf die Orcas und diese besondere Ruhe, die man an vielen Orten der Insel spüren kann.
Und die Reise ist noch lange nicht vorbei: Im zweiten Teil geht es unter anderem an die Westküste von Vancouver Island, zu einem der größten Bäume Kanadas und in die Provinzhauptstadt Victoria.
Diese Folge entstand mit freundlicher Unterstützung von Destination British Columbia und Destination Canada.





