Tausend Jahre alte Bäume, wilde Pazifikstrände und eine charmante Hauptstadt direkt am Meer: Vancouver Island hat noch viel mehr zu bieten als Grizzlybären und Orcas. Im zweiten Teil des Roadtrips geht es an die Westküste der kanadischen Insel – zu einem der größten Bäume Kanadas, durch märchenhafte Regenwälder und an Orte, an denen die Straße einfach aufhört. Dazu gibt es die vielleicht besten Fish and Chips der Insel, kulinarische Überraschungen und jede Menge Kanada-Feeling.
Victoria: British Columbia trifft auf britischen Charme
Die Hauptstadt von British Columbia heißt nicht Vancouver, sondern Victoria. Und obwohl hier das Parlament einer riesigen kanadischen Provinz sitzt, fühlt sich die Stadt erstaunlich gemütlich an. Rund 100.000 Menschen leben in Victoria selbst, darunter viele Studierende. Gleichzeitig ist die Stadt wegen ihres milden Klimas auch bei älteren Menschen beliebt. Eine ziemlich gute Mischung aus jungem Stadtleben, entspannten Cafés und hervorragenden Restaurants.
Dazu kommt eine Architektur, die stellenweise eher an England als an Kanada erinnert. Viktorianische Häuser mit großen Veranden, gepflegte Gärten, historische Fassaden und kleine Bed & Breakfasts prägen das Stadtbild. Besonders schön ist Victoria im Herbst, wenn sich die Blätter bunt färben und die Sonne die Stadt noch einmal in warmes Licht taucht.
Das Herz der Stadt schlägt rund um den Inner Harbour. Hier starten Wasserflugzeuge, Segelboote schaukeln im Hafenbecken und die historischen Gebäude spiegeln sich im Wasser. Ein Stück weiter liegt Fisherman’s Wharf, eine kleine Hafensiedlung mit bunten schwimmenden Häusern, Restaurants und Imbissen. Perfekt für einen entspannten Spaziergang am Wasser.
Die vielleicht besten Fish and Chips auf Vancouver Island
Wer an der kanadischen Westküste unterwegs ist, kommt an Fish and Chips kaum vorbei. Besonders empfehlenswert ist Finest at Sea in Victoria, ganz in der Nähe von Fisherman’s Wharf.
Hinter dem Fischgeschäft steckt ein Familienunternehmen, das mit eigenen Booten fischt und den Fang selbst verarbeitet. Im Laden gibt es eine beeindruckende Auswahl an frischem Fisch, während draußen an einem kleinen Imbisswagen Fish and Chips serviert werden.
Das Besondere: Hier lässt sich sogar auswählen, welcher Fisch in der knusprigen Panade landen soll. Besonders gut schmeckt der Heilbutt – außen leicht und knusprig, innen saftig und zart. Dazu Pommes und die passende Sauce. Einfach, aber fantastisch.
Auch die Fish Tacos sind einen Versuch wert. Gegessen wird draußen an Holzbänken unter den Bäumen, zwischen Einheimischen und Reisenden. Viel besser kann ein unkompliziertes Mittagessen kaum sein.
Chinatown, kleine Boutiquen und philippinische Leckereien
Victoria lässt sich wunderbar zu Fuß oder mit dem Fahrrad erkunden. Ein absolutes Muss ist dabei Chinatown, das älteste Chinatown Kanadas. Seine Geschichte reicht bis in die Zeit des Goldrauschs im 19. Jahrhundert zurück, als zahlreiche chinesische Einwanderer an die kanadische Westküste kamen.
Besonders sehenswert ist die Fan Tan Alley, eine der schmalsten Geschäftsstraßen Nordamerikas. Die kleine Gasse ist stellenweise so eng, dass man mit ausgestreckten Armen fast beide Seiten gleichzeitig berühren kann. Heute verstecken sich hier kleine unabhängige Boutiquen und ungewöhnliche Geschäfte.
Ganz in der Nähe lohnt sich eine Kaffeepause bei Habit Coffee. Und direkt nebenan wartet mit Friends & Family Bake eine philippinische Bäckerei, die eine ganz besondere Spezialität anbietet: Ube Ensaymada.
Dabei handelt es sich um ein weiches, süßes Hefegebäck mit einer leuchtend violetten Füllung aus Ube, einer auf den Philippinen beliebten Yamswurzel. Die Creme schmeckt leicht nussig und vanillig und sieht fast aus wie Einhornschleim.
Allerdings ist beim Reinbeißen Vorsicht geboten: Die Füllung kann sich durchaus explosionsartig ihren Weg nach draußen bahnen. Sehr lecker, aber nicht unbedingt die beste Wahl für eine schwarze Hose.
Auch abseits von Chinatown hat Victoria einiges zu bieten. Rund um den Market Square finden sich weitere kleine Geschäfte und Vintage-Läden. Ein schöner Abstecher mit dem Fahrrad führt außerdem ins Cook Street Village, ein gemütliches Viertel mit Cafés, Restaurants und kleinen Läden.
Von dort geht es weiter Richtung Küste, vorbei an Parks und Stränden. Besonders rund um den Gonzales Beach und die südliche Küstenlinie eröffnen sich fantastische Ausblicke über das Meer. Bei klarer Sicht tauchen am Horizont die Berge der Olympic Peninsula im US-Bundesstaat Washington auf. Ein Panorama, das selbst die beste Smartphone-Kamera kaum einfangen kann.



Highway 14: Ein Roadtrip bis ans Ende der Straße
Von Victoria führt der Highway 14 Richtung Westen. Das Ziel: Port Renfrew, ein kleiner Ort an der Südwestküste von Vancouver Island, an dem die Straße schließlich endet.
Schon die Fahrt dorthin ist ein echtes Highlight. Hinter dem Ort Sooke wird die Landschaft zunehmend wilder. Die Straße schlängelt sich durch dichte Wälder, über kleine Brücken und immer wieder direkt an der Küste entlang.
Auf der einen Seite liegt die Strait of Juan de Fuca, auf der anderen wachsen riesige Bäume dicht an dicht. Dazwischen warten einsame Buchten, kleine Flüsse und zahlreiche Möglichkeiten für spontane Stopps.
Besonders schön sind die Strände entlang der Route:
French Beach: Ein wunderschöner Küstenabschnitt für eine Pause mit Blick aufs Meer.
Mystic Beach: Ein besonders reizvolles Ziel für alle, die wilde Strände und Küstenwanderungen lieben.
China Beach: Ausgangspunkt für den rund 47 Kilometer langen Juan de Fuca Trail, einen der bekanntesten Wanderwege der Region.
Mit etwas Glück lassen sich entlang dieser Küste zu bestimmten Jahreszeiten sogar Grauwale beobachten.
Jordan River: Surfen, Sonnenuntergänge und ganz viel Ruhe
Ein weiterer lohnenswerter Zwischenstopp ist Jordan River. Dort, wo der gleichnamige Fluss ins Meer mündet, treffen raue Natur und entspannte Surferkultur aufeinander.
Gerade im Herbst kommen Surferinnen und Surfer hier auf ihre Kosten. Bei Wassertemperaturen um die zehn Grad gehören Neoprenanzug, Handschuhe und Haube allerdings unbedingt dazu.
Besonders schön ist Jordan River am Abend. Wenn die Sonne untergeht, färbt sich der Himmel rosa und orange, während draußen auf dem Wasser noch die letzten Surfer unterwegs sind. Dazu ein kleines Feuer am Strand – fast ein bisschen Kalifornien, nur deutlich ursprünglicher.
Wer länger bleiben möchte, findet im Jordan River Regional Park einen kleinen Campingplatz mit nur wenigen Stellplätzen direkt an der Küste.
Port Renfrew: Der Geheimtipp an Vancouver Islands Westküste
Tofino ist wahrscheinlich der bekannteste Ort an der Westküste von Vancouver Island. Doch wer eine ruhigere Alternative sucht, sollte sich Port Renfrew genauer anschauen.
Nach rund zweieinhalb Stunden Fahrt von Victoria endet hier der Highway 14. Ein paar Häuser, ein kleiner Hafen, ein Pub und das gemütliche Coastal Kitchen Café – viel mehr braucht es manchmal nicht.
Doch die eigentlichen Schätze liegen rund um den Ort. Port Renfrew befindet sich im traditionellen Gebiet der Pacheedaht First Nation, deren Geschichte und Kultur eng mit der Küstenlandschaft verbunden sind.
Von hier aus geht es weiter ins Gordon River Valley. Die befestigte Straße weicht einer Schotterpiste, der Handyempfang verschwindet und links und rechts wachsen die Bäume immer dichter.
Das Ziel ist einer der beeindruckendsten Orte der gesamten Reise.
Big Lonely Doug: Ein tausend Jahre alter Gigant
Mitten in den Wäldern bei Port Renfrew steht ein Baum, der selbst in Kanada außergewöhnlich ist: Big Lonely Doug.
Die gigantische Douglasie ist etwa 66 Meter hoch, hat einen Stammumfang von rund zwölf Metern und ist mehr als 1.000 Jahre alt. Damit gehört sie zu den größten Bäumen Kanadas.
Und hinter diesem Naturwunder steckt eine bemerkenswerte Geschichte.
Im Jahr 2011 sollte das Waldgebiet rund um den Baum abgeholzt werden. Ein Holzfäller namens Dennis Cronin erkannte jedoch, wie außergewöhnlich die riesige Douglasie war, und markierte sie, damit sie stehen blieb.
Der übrige Wald wurde gefällt. Zurück blieb ein einzelner gigantischer Baum auf einer Fläche voller Baumstümpfe.
Später entdeckte der Fotograf und Umweltschützer TJ Watt den Baum und machte ihn mit seinen Bildern international bekannt. Big Lonely Doug wurde zu einem Symbol für den Schutz der letzten ursprünglichen Regenwälder British Columbias.
Heute wachsen rund um den Baum bereits wieder junge Bäume. Doch sie können nicht ersetzen, was hier über viele Jahrhunderte entstanden ist.
Vor Big Lonely Doug zu stehen, ist ein kaum beschreibbares Erlebnis. Der Stamm scheint endlos in den Himmel zu wachsen, die Äste sind selbst so mächtig wie ganze Bäume. Und plötzlich wird bewusst, welche Dimensionen die Natur annehmen kann.
Mehr als tausend Jahre Geschichte, vereint in einem einzigen Lebewesen.
Eden Grove: Ein Spaziergang durch den uralten Regenwald
Nicht weit von Big Lonely Doug entfernt wartet mit Eden Grove ein weiteres Naturhighlight. Hier lässt sich erleben, wie die ursprünglichen Wälder Vancouver Islands einmal ausgesehen haben.
Sobald es in den Regenwald hineingeht, verändert sich die Atmosphäre. Es wird dunkler, kühler und stiller. Riesige Douglasien und rote Zedern ragen in den Himmel, von den Ästen hängen lange Moosvorhänge und der Waldboden ist von Farnen bedeckt.
Viele der Bäume sind mehrere hundert Jahre alt, manche sogar bis zu tausend Jahre.
Schmale Wege und Holzplanken führen durch den Wald. Sie schützen die empfindlichen Wurzeln und ermöglichen es, dieses besondere Ökosystem aus nächster Nähe zu erleben.
Eden Grove zeigt eindrucksvoll, warum alte Wälder so schützenswert sind. Denn ein über Jahrhunderte gewachsener Regenwald ist viel mehr als eine Ansammlung großer Bäume. Er bietet Lebensraum für unzählige Tier- und Pflanzenarten, die in jüngeren Wirtschaftswäldern oft keinen vergleichbaren Platz finden.
Gleichzeitig wird hier auch deutlich, wie komplex der Umgang mit diesen Landschaften ist. Für die indigenen Gemeinschaften der Region sind die Wälder nicht nur kulturell bedeutend, sondern auch eine wirtschaftliche Lebensgrundlage.
Organisationen wie die Ancient Forest Alliance setzen sich deshalb für den Erhalt der ursprünglichen Wälder ein und arbeiten an Lösungen, die Naturschutz und wirtschaftliche Perspektiven miteinander verbinden.
Vielleicht kann gerade ein behutsamer Tourismus dazu beitragen, diese einzigartigen Orte langfristig zu bewahren.
Botany Bay: Wo der Regenwald auf den Pazifik trifft
Ein weiterer Abstecher rund um Port Renfrew führt nach Botany Bay. Schon die kurze Wanderung dorthin ist wunderschön. Der Weg verläuft durch dichten Regenwald, vorbei an riesigen Zedern, Farnen und moosbewachsenen Baumstämmen.
Doch am Ende wartet kein gewöhnlicher Sandstrand.
Stattdessen öffnet sich eine spektakuläre Felslandschaft zum Pazifik. Dunkles, schieferartiges Gestein liegt in schrägen Schichten übereinander, durchzogen von hellen Quarzadern. Dazwischen wachsen kleine, windgeformte Bäume, die fast wie natürliche Bonsais aussehen.
Die außergewöhnlichen Gesteinsformationen erzählen von gewaltigen geologischen Kräften, die diese Küste über Millionen von Jahren geprägt haben.
Vor den Felsen brandet der Pazifik, kleine bewaldete Inseln liegen im Wasser und außer dem Rauschen der Wellen und den Rufen einiger Möwen ist oft kaum etwas zu hören.
Ein Ort, an dem man problemlos stundenlang sitzen und einfach nur auf das Meer schauen könnte.
Sooke Harbour House: Ein besonderer Hoteltipp an der Küste
Wer die Region rund um Victoria und Port Renfrew erkundet, sollte auch einen Blick auf das Sooke Harbour House werfen.
Das traditionsreiche Haus stammt aus den 1920er-Jahren und gehört zu den besonderen Unterkünften an der Küste. Bekannt wurde es unter anderem durch seine frühe Farm-to-Table-Philosophie, bei der regionale und saisonale Zutaten im Mittelpunkt stehen.
Nach einem Eigentümerwechsel wird diese kulinarische Tradition fortgeführt.
Die Zimmer sind individuell eingerichtet, teilweise mit Balkon und Blick auf den Hafen. Dazu kommen ein schöner Garten, Spaziermöglichkeiten direkt am Wasser und ein Restaurant, das regionale Produkte auf hohem Niveau verarbeitet.
Besonders empfehlenswert ist der Lachs, der über offener Flamme zubereitet und mit saisonalem Gemüse serviert wird. Dazu der weite Blick auf das Meer – ein wunderbarer Abschluss eines Tages an Vancouver Islands Westküste.
Tipps für einen Roadtrip an der Westküste von Vancouver Island
Wer die Westküste von Vancouver Island selbst entdecken möchte, sollte ein paar Dinge beachten:
Victoria als Ausgangspunkt nutzen: Die Hauptstadt eignet sich hervorragend, um die südliche Westküste mit dem Mietwagen zu erkunden.
Den Highway 14 genießen: Die Strecke nach Port Renfrew ist ein Erlebnis für sich. Unbedingt Zeit für spontane Stopps an den Stränden einplanen.
Port Renfrew nicht unterschätzen: Der kleine Ort ist eine ruhigere Alternative zu bekannteren Reisezielen wie Tofino und bietet Zugang zu außergewöhnlichen Naturerlebnissen.
Alte Regenwälder respektieren: In Eden Grove und anderen sensiblen Waldgebieten unbedingt auf den vorgesehenen Wegen bleiben.
Schotterstraßen berücksichtigen: Rund um Port Renfrew führen manche Wege über unbefestigte Straßen. Vor der Fahrt die Mietwagenbedingungen und den Zustand der Strecke prüfen.
Den Herbst als Reisezeit erwägen: September und Anfang Oktober können besonders schön sein. Allerdings muss jederzeit mit Regen und wechselhaftem Wetter gerechnet werden.
Zeit für Victoria einplanen: Die Stadt hat mit Chinatown, ihren Cafés, historischen Vierteln und der Küste deutlich mehr zu bieten als nur einen kurzen Zwischenstopp.
Manche Landschaften sind so groß, so mächtig und so beeindruckend, dass selbst die beste Kamera ihnen nicht gerecht werden kann. Vancouver Island ist voller solcher Orte.
Ein tausend Jahre alter Baum, dessen Krone kaum zu erkennen ist. Ein Regenwald, in dem das Licht nur gedämpft durch die Äste fällt. Eine einsame Felsbucht am Pazifik. Oder ein Sonnenuntergang, bei dem die Berge am Horizont langsam in verschiedenen Blautönen verschwinden.
Vancouver Island ist ein Reiseziel, das zum Staunen bringt und gleichzeitig zum Nachdenken anregt. Über die Natur, über den Umgang mit ihr und darüber, wie wertvoll es ist, solche Orte noch erleben zu können.
Diese Folge entstand mit freundlicher Unterstützung von Destination British Columbia und Destination Canada.








