Reisebegleiter*innen - das sind für uns Menschen, die das Reisen genauso lieben wie wir. So wie Journalist und Autor Philipp Laage, der sich in seinem Buch “Travel is broken“ mit Overtourism und der Frage beschäftigt, wie wir das Reisen neu entdecken können.
RR: “Travel is broken” - was meinst Du damit?
Philipp: Der Titel steht für eine kulturelle Verschiebung, für einen Vibe Shift: Die längste Zeit galt Reisen als cool, inspirierend und erstrebenswert. Die Welt zu bereisen, war der große Traum meiner Generation. Billigflieger, Backpacking mit dem Lonely Planet, im Airbnb bei Einheimischen übernachten. Investiere in Erlebnisse, nicht in Dinge. Wenn wir heute über das Reisen reden, schwingt viel Negatives mit. Oft geht es um Overtourism und die Auswirkungen aufs Klima. In meinem Buch gehe ich vor allem der Frage nach, ob das Reisen inzwischen nicht auch einer ungesunden Effizienz- und Optimierungslogik folgt – und ob das nicht tatsächlich einiges kaputt macht.
RR: Was ist unser Dilemma beim Reisen?
Philipp: Ein gutes Leben bedeutet heute, in möglichst kurzer Zeit viele intensive Dinge zu erleben. Aber so schrumpft unweigerlich die Zeit und Aufmerksamkeit, die wir jedem einzelnen Ort oder einer Erfahrung widmen. Obwohl Reisen ein so großes Privileg ist, sind wir ständig vom Gefühl getrieben, etwas noch Besseres womöglich zu verpassen. Sich auf Unvorhergesehenes einzulassen, erscheint als Risiko. Wir können uns den einsamen Strand am Ende der Welt schon vorher aus jedem Winkel anschauen. Aber die Informationsfülle hat uns nicht selbstbestimmter gemacht, sondern unfreier. Am liebsten wollen wir immer schon vorher wissen, dass ein Ort sich lohnt und ein Erholungseffekt oder ein besonderes Erlebnis eintritt (und wie das am Ende in der Insta-Story aussieht). Dabei bleiben viele Erfahrungen auf der Strecke.
RR: Wir sind wohl alle ziemlich gestresst und überstimuliert …
Philipp: Sich Zeit für Erholung zu nehmen, fühlt sich schnell wie Zeitverschwendung an, erst recht im Urlaub. Wir halten das kaum noch aus, weil Abschalten in unserem Alltag nicht mehr vorgesehen ist. Vor dem Urlaub können wir uns fragen: Was muss ich nicht gesehen haben? Was tue ich wirklich gerne, wenn ich einmal nichts tun muss? Wie und wo schaffe ich es, möglichst viel Abstand zwischen mich und das Handy zu bringen?
RR: Warum ist Muße so wichtig?
Philipp: Muße ist zweckfreie Zeit und damit ein Zustand, der in die Defensive geraten ist. Wir haben das Mantra verinnerlicht, dass sich alles, was wir tun, irgendwie lohnen und rechnen muss, dass es auf irgendwas einzahlt. Sei es nur darauf, dass wir unser Potenzial entfalten, die beste Version unserer selbst werden. Das gilt auch für Hobbys und unsere Freizeit. Ganz schön stressig. Wirklich erholsam sind Tätigkeiten, denen wir um ihrer selbst willen nachgehen, ohne einen bestimmten Nutzen.
RR: Was können wir tun, damit sich das Reisen wieder sinnvoller anfühlt?
Philipp: Wir können uns mehr Zeit für die Frage nehmen, was uns an einem Reiseziel eigentlich interessiert – um nicht bloß an den Bucket-List-Hotspots zu landen, an denen es erwartbar voll und kommerziell zugeht. Wir können uns wieder häufiger auf unsere Sinne verlassen, statt überall den Bewertungen anderer zu folgen. Wir können uns bewusst in Situationen begeben, deren Ausgang wir nicht kennen, weil darin das Potenzial für das größte Glück auf Reisen liegt. Also: weniger das Foto jagen, das man schon kennt, sondern offen für Begegnungen und Unerwartetes sein.
RR: Um die Frage aus Deinem Buch an Dich zu richten: Was würdest Du tun, wenn Du Erbe einer schwerreichen Unbekannten wärst?
Philipp: Wenn ich ausgesorgt hätte, würde ich wohl erstmal unterwegs sein. Mein Buch spricht sich ja auch nicht gegen das Reisen aus. Aber ich würde nicht versuchen, möglichst viele Orte zu sehen, so wie früher, sondern länger in einer anderen Stadt wohnen oder zum Beispiel ein Gebirge zu Fuß durchwandern. Ich bin gern draußen in den Bergen. Vielleicht würde es mich nochmal an einen hohen Gipfel wagen.
Doku-Tipp: Warum Zuhause bleiben keine Option ist, verrät Philipp in der Doku Twist: Viel zu voll - Wie reisen wir besser?, in der außerdem wirklich spannende neue Tourismus-Konzepte vorgestellt werden, wie zum Beispiel von Kopenhagen.




