Es gibt Orte, die sich nicht mit einem einzigen Ausblick beschreiben lassen. Scuol ist so ein Ort. Denn kaum öffnet man morgens die Augen, fällt der Blick aus dem Holzfenster direkt auf schroffe Berggipfel, grüne Wälder und rote Geranien vor dem Fenster. Fast wirkt es, als hätte jemand ein Gemälde aufgehängt – nur dass dieses Panorama echt ist.
Willkommen im Unterengadin. Genauer gesagt: in Scuol, einer kleinen Gemeinde im Südosten der Schweiz, nur eine halbe Stunde von Österreich und Italien entfernt. Während viele beim Engadin sofort an St. Moritz denken, geht es hier deutlich ruhiger zu. Weniger Glamour, mehr Natur. Weniger Trubel, mehr Platz zum Durchatmen.
Schon die Anreise ist Teil des Erlebnisses
Nach der Zugfahrt durch den fast 20 Kilometer langen Vereinatunnel verändert sich die Landschaft schlagartig. Große Bahnhöfe, Einkaufsstraßen und Menschenmengen verschwinden. Stattdessen geht es vorbei an kleinen Dörfern, türkisfarbenen Gebirgsflüssen und spektakulären Bergpanoramen. Schließlich endet die Reise an einem Bahnhof, der so beschaulich ist, dass man direkt vom Gleis in den Ort spaziert.
Und trotzdem ragen direkt dahinter die Alpen in den Himmel.
Ein Platz, an dem man einfach sitzen möchte
Nur wenige Minuten vom Bahnhof entfernt bringt eine Bergbahn Besucher hinauf auf Motta Naluns. Oben angekommen eröffnet sich ein Panorama, das selbst erfahrene Bergfans sprachlos macht: schneebedeckte Gipfel, weite Almwiesen, blühende Bergblumen und eine Ruhe, die man heute nur noch selten findet.
Statt den nächsten Aussichtspunkt abzuhaken, lohnt es sich hier, einfach einmal sitzen zu bleiben. Dem Summen der Bienen zuzuhören. Den Blick über das Tal schweifen zu lassen. Und festzustellen, dass manchmal genau das der schönste Programmpunkt eines Tages ist.
Natur, die einfach Natur sein darf
Nur wenige Kilometer entfernt liegt der Schweizerische Nationalpark – der älteste Nationalpark der Alpen und bis heute der einzige Nationalpark der Schweiz.
Hier gelten strenge Regeln: Die Wege dürfen nicht verlassen werden, Hunde bleiben draußen, Sport abseits der Wanderwege ist tabu und es gibt keine Berghütten oder Skigebiete mitten im Schutzgebiet. Das Ergebnis ist beeindruckend: eine Landschaft, die sich weitgehend selbst überlassen bleibt.
Mit etwas Glück begegnet man hier Murmeltieren, Steinböcken, Gämsen oder Hirschen. Selbst Bartgeier, Wölfe und Luchse leben wieder im Park. Wer aufmerksam unterwegs ist, entdeckt aber nicht nur die großen Tiere. Oft sind es gerade die kleinen Geschichten der Natur, die faszinieren – etwa Ameisen, die Blattläuse “melken” und im Gegenzug beschützen. Ein perfekt eingespieltes Ökosystem.
Ein Dorf mit eigener Architektur
Auch Scuol selbst überrascht.
Im historischen Dorfkern stehen die typischen Engadiner Häuser – massive, weiß verputzte Steinhäuser mit kleinen Fenstern, dicken Mauern und kunstvollen Verzierungen. Diese eingeritzten Muster heißen tatsächlich “Graffiti”. Das Wort stammt vom italienischen graffito und bezeichnet ursprünglich eingeritzte Zeichen – lange bevor Graffiti zur modernen Straßenkunst wurden.
Zwischen engen Gassen, Kopfsteinpflaster und jahrhundertealten Fassaden wirkt der Ort fast wie aus einer anderen Zeit.
Wasser spielt hier die Hauptrolle
Scuol ist außerdem für etwas bekannt, womit wohl die wenigsten rechnen: Wasser.
Mehr als 20 Mineral- und Heilwasserquellen entspringen hier direkt aus dem Boden. Auf Dorfplätzen sprudelt unterschiedlich mineralisiertes Wasser einfach aus Brunnen, an denen Einheimische ganz selbstverständlich ihre Karaffen auffüllen.
Wer tiefer eintauchen möchte, kann sogar an einer Wasserdegustation teilnehmen. Tatsächlich schmecken die verschiedenen Quellen erstaunlich unterschiedlich – mal mineralischer, mal weicher, mal leicht prickelnd durch natürliche Kohlensäure. Verantwortlich dafür sind die unterschiedlichen Mineralstoffe, die das Wasser auf seinem jahrelangen Weg durch das Gestein aufnimmt.
Käse, Walnusskuchen und ein herzliches “Allegra”
Natürlich gehört auch die regionale Küche dazu. Besonders Käseliebhaber kommen im Unterengadin auf ihre Kosten. Schon beim Frühstück zeigt sich, wie selbstverständlich hier hervorragende regionale Produkte sind. Dazu kommen Spezialitäten wie der Engadiner Walnusskuchen – perfekt für eine Pause nach einer Wanderung.
Und noch etwas fällt schnell auf: Überall hört man das Wort “Allegra”. So begrüßen sich die Menschen hier tagsüber auf Vallader, einer Variante des Rätoromanischen. Wörtlich bedeutet es so viel wie “Freue dich” – und kaum ein Gruß könnte besser zu dieser Region passen.
Warum Scuol überrascht
Scuol ist kein Ort für die große Inszenierung. Gerade das macht seinen Reiz aus. Hier stehen nicht Luxus und Prestige im Mittelpunkt, sondern Berge, Natur, Ruhe und eine Region, die ihre Eigenheiten bis heute bewahrt hat.
Wer die Schweiz erleben möchte, wie man sie aus den schönsten Bildbänden kennt – mit mächtigen Gipfeln, urigen Dörfern, kristallklarem Wasser und endlosen Wanderwegen –, findet im Unterengadin genau das. Nur eben ohne die Menschenmassen.
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Diese Folge entstand mit freundlicher Unterstützung von Schweiz Tourismus.






